Rheinsteig FKT: 320 Kilometer Heimat, Hitze und ein Hauch von Wahnsinn
Der Rheinsteig zählt zu den schönsten und anspruchsvollsten Fernwanderwegen Deutschlands. Auf rund 320 Kilometern und etwa 11.700 Höhenmetern führt er von Bonn nach Wiesbaden – vorbei an spektakulären Felsformationen, steilen Weinbergen und geschichtsträchtigen Burgen hoch über dem Rheintal. Genau auf diesem epischen Hometrail hat sich unser Teammitglied Mario einem extremen Abenteuer verschrieben: Ein spektakuläres Fastest Known Time (FKT) Projekt im Self-Supported-Modus, um die 320 Kilometer in einer neuen Rekordzeit zu bezwingen und seine eigenen Grenzen auf heimischem Boden völlig neu zu definieren.
Vorbereitung, Anreise und Infos zur FKT
Wenn man einen der schönsten Fernwanderwege Deutschlands direkt vor der Haustür hat, muss man ihn einfach einmal komplett gelaufen sein. Dieser Gedanke ging mir schon lange durch den Kopf, und dieses Jahr sollte es endlich so weit sein.
Als Wiesbadener wählte ich meine Heimatstadt als logisches Ziel der 320 Kilometer langen Strecke. Der Startpunkt sollte Bonn sein. Ein Self-Supported-Projekt über eine solche Distanz verlangt eine extrem umfangreiche Vorplanung, wenn man es strukturiert und ambitioniert angehen will. Die Tage vor dem Start bestanden aus dem Optimieren der leichtesten Ausrüstung, akribischer Recherche über Verpflegungspunkte und zahllosen logistischen Fragen. Das fraß im Vorfeld deutlich mehr Zeit, als mir lieb war.
Das FKT-Regelwerk
Um ein solches Vorhaben offiziell als Fastest Known Time eintragen zu lassen, gelten strenge, weltweite Regeln. Da ich mich für den „Self-Supported“-Stil entschieden habe, gelten dafür im Kern folgende Vorgaben:
Keine private Hilfe: Jeglicher Support durch Freunde, Familie oder eine feste Crew an der Strecke ist absolut tabu.
Gleiches Recht für alle: Ich darf nur Ressourcen nutzen, die für jeden anderen Wanderer oder Läufer ebenfalls öffentlich zugänglich sind (z. B. Supermärkte, Tankstellen, öffentliche Brunnen oder Hotels).
Keine Pacemaker: Das temporäre Begleiten oder Mitlaufen von Bekannten zur Motivation ist nicht gestattet.
Lückenloses Tracking: Die gesamte Route muss per GPS-Uhr lückenlos aufgezeichnet und im Nachgang zur Verifizierung auf der offiziellen Plattform eingereicht werden.
Am Mittwochabend ging es nach der Arbeit endlich los. Die Anreise mit dem Zug nach Bonn geriet – dem klassischen Chaos der Deutschen Bahn sei Dank – direkt zur ersten Geduldsprobe. Erst nach 22:00 Uhr und mit einer Stunde Verspätung erreichte ich Bonn. Nach einem ausgedehnten Spaziergang zum Hotel und einer kalten Dusche gegen die stehende Hitze im Zimmer versuchte ich, immerhin noch sechs Stunden Schlaf vor meinem großen Vorhaben zu finden.
Das Wetter versprach ohnehin ein unbarmherziges Brett zu werden. Während der Donnerstag mit Temperaturen knapp unter 30 Grad noch erträglich starten sollte, kletterte das Thermometer ab Freitag weiter nach oben. Für Samstag und Sonntag waren bis zu 32 Grad vorhergesagt. In den Schieferhängen des Rheinsteigs, die sich extrem aufheizen und die Hitze wie ein Backofen zurückstrahlen, wird das alles andere als ein Spaß. Mir graute davor, aber ich hatte mir diesen Zeitpunkt im Juli selbst ausgesucht. Jetzt musste ich mit dieser Challenge leben.
Der einzige Vorteil der heißen Temperaturen: Ich konnte meinen Rucksack in einer abgespeckten Version packen. Für die Biwaknächte reichte mein dünnster Schlafsack, als Wechselkleidung genügten eine Windjacke und ein trockenes Ersatz-Shirt.
Tag 1: Der Start in das Abenteuer
Am Donnerstagmorgen um Punkt 07:00 Uhr stand ich schließlich am Alten Rathaus in Bonn. Ein tiefer Atemzug, der Start der GPS-Uhr und der erste Schritt in mein persönliches Abenteuer…
Anfangs rollt es noch angenehm flach. Die ersten Meter führen durch die Bonner Altstadt und am Rheinufer entlang, bevor der Rheinsteig die Stadtgrenzen verlässt und hinein ins malerische, aber fordernde Siebengebirge führt.
Obwohl ich meine Ausrüstung auf ein absolutes Minimum reduziert habe, bringt die Kombination aus zwei Litern Wasservorrat – dem absoluten Minimum bei diesen Temperaturen – und der mitgeführten Nahrung ein ordentliches Rucksackgewicht auf die Waage. Jedes Gramm drückt, und der Schweiß läuft schon in Strömen. In der Folge geht es glücklicherweise viel durch schattige Wälder mit einem stetigen Auf und Ab im Siebengebirge auf wechselndem Terrain aus breiten Waldwegen und schönen Pfaden.
Ich bin mir der Dimension des Projekts bewusst. Um die muskuläre Ermüdung an Tag eins nicht zu früh zu triggern, halte ich das Tempo extrem moderat:
Uphills: In den Anstiegen schalte ich konsequent in den Powerhiking-Modus.
Downhills: Bergab lasse ich es nur sehr dezent rollen, um die Oberschenkel zu schonen.
Fortschritt: Gemessen an den verfügbaren Kräften führt diese Taktik zu einem langsamen, aber sehr stetigen Vorwärtskommen.
Nach Kilometer 23 erreiche ich den Drachenfels. Ich steuere direkt die öffentlich zugängliche Restauranttoilette an, um die Flaschen randvoll zu machen. Ein kurzer, schweifender Blick über das Rheintal, dann laufe ich weiter. Bloß nicht zu viel Zeit verplempern am Anfang.
Mein erster großer Versorgungsstopp ist in Linz am Rhein bei Kilometer 53 eingeplant. Als ich auf dem Parkplatz des örtlichen Edeka einlaufe, knallt die Nachmittagshitze bereits ordentlich auf den Asphalt. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mich an den kommenden Tagen noch erwarten wird. Um der Hitze zu ermessen, verlagere ich die Pause komplett nach drinnen. Im klimatisierten Supermarkt besorge ich mir mein Mittagessen und kühle Getränke, steuere dann die angrenzende Bäckerei an und finde ein perfektes Plätzchen mit Steckdose, um meine Technik zu laden.
Nach einer wohlverdienten Pause von 1,5 Stunden geht es wieder raus auf den Trail. Das Siebengebirge habe ich langsam hinter mir gelassen und will an diesem Tag noch weitere 40 Kilometer absolvieren. Der Körper spielt super mit – bis auf eine böse Blase, die sich bereits nach 30 Kilometern an der Ferse gebildet hat. Sie sollte mich für den Rest meiner Reise treu drangsalieren, auch wenn ich rechtzeitig anhalte, sie pfleglich versorge und mit Compeed abklebe.
Es ist ein wunderschöner Abend in den Rheinhängen mit einem grandiosen Sonnenuntergang. Trotz der Blase komme ich gut voran und fülle am Hammersteiner Friedhof bei Kilometer 77, direkt am Steig, meine Trinkflaschen auf. Ich genieße das magische Lichtspiel, die Aussichtspunkte und die friedliche Einsamkeit im Wald. Über das gesamte verlängerte Wochenende sind kaum andere Menschen auf dem Rheinsteig unterwegs. Die wissen wohl, warum: Die laue Sommernacht, die mich zur Dämmerung begrüßt, ist ein zaghafter Vorbote der sengenden Hitze der nächsten Tage. In der aufkommenden Dunkelheit gesellen sich in der Gegend um Leutesdorf dann auch die ersten technisch wirklich knackigen Abschnitte über steile Weinbergtrails hinzu.
Gegen 1:00 Uhr nachts kriecht die Müdigkeit in die Knochen. Das nehme ich mit Wohlwollen zur Kenntnis, da ich mir für die erste Nacht ohnehin zwei Stunden Schlaf im Biwak vorgenommen habe.
Es ist ja immer die große Frage, ob Schlafen in der ersten Nacht Sinn macht. Der Körper hat noch Reserven und aus Erfahrung anderer Ultraläufe weiß ich, dass ich 36 bis 40 Stunden ganz gut ohne Schlaf durchhalte, ohne direkt ins Delirium zu verfallen. Aber ich will Beine und Kopf etwas schonen. Mein Ziel ist es, die Strecke ambitioniert zu absolvieren, aber nicht auf Biegen und Brechen in einer absolut auf Kante genähten Zielzeit. Diese Läufe sind sowieso eine extreme Belastung, da muss man es nicht auf die absolute Spitze treiben.
Ich verstehe es vollkommen, wenn Sportler bei einem mehrere hundert Kilometer langen Race die Chance aufs Podium haben und mit möglichst wenig Schlaf ans absolute Limit gehen – oder wenn man am Cut-off läuft und schlichtweg keine andere Wahl hat. Aber diesen Trend, dass sich auch die Leute im Mittelfeld dafür feiern, wie wenig sie geschlafen haben, und quasi einen Wettstreit veranstalten, wer im größten Zombie- und Halluzinationsmodus unterwegs ist, den will ich nicht mitgehen. Das Finish bleibt das große Ziel, und ich möchte ein solches Abenteuer – zumindest in den guten Phasen – auch ein bisschen genießen können. Gelitten wird am Ende sowieso genug, auch mit ein paar Stunden zusätzlichem Schlaf. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Zurück zu den nächtlichen Erlebnissen: Gegen 1:00 Uhr folgt der erste große Aufreger der Tour. Ich begegne im Wald zwei Jägern, die überhaupt nicht damit einverstanden sind, dass ich hier nachts unterwegs bin, ihnen angeblich „die Jagd kaputt mache“, und die mich am Weiterlaufen hindern wollen. Ich verweise sachlich darauf, dass ich laut Gesetz sehr wohl berechtigt bin, mich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf öffentlichen Wanderwegen zu bewegen, und sie kein Recht haben, mich aufzuhalten. Der Wald ist ein Erholungsgebiet für alle Menschen, und ich akzeptiere es nicht, wenn sich manche darüberstellen wollen. Es entwickelt sich ein Wortgefecht, dessen Inhalt ich hier besser nicht im Detail wiedergebe. Unter Androhungen versuchen sie mich aufzuhalten – letztlich vergebens. Ich bin zwar ein friedliebender Mensch, aber ich weiß mich im Notfall zu behaupten, und so setze ich meine Tour erfolgreich fort.
Die Begegnung sorgt immerhin für einen ordentlichen Adrenalinschub. Ich laufe eine Stunde lang zügig weiter, bis mich die Müdigkeit wieder einholte. Ich erreiche eine große Schutzhütte 7,5 Kilometer vor Rengsdorf, die ich noch bestens vom KoBoLT (Koblenz-Bonn-Lauf-Trail) kenne, der immer Ende November ausgetragen wird. Auf einem dicken Laubteppich breite ich meine Ultraleichtmatte und den Schlafsack aus. Zähne putzen, Kleinigkeit essen, trockenes Shirt und Windjacke an – schwupps sind wieder 30 Minuten vergangen. Es ist mittlerweile irgendetwas zwischen 2:30 und 3:00 Uhr.
Tag 2: Hitze-Schlacht im Backofen
Leider finde ich überhaupt keinen Schlaf und wälze mich ständig hin und her. Als Krönung der unruhigen Nacht kracht ganz in der Nähe auch noch ein großer Ast Totholz vom Baum und zerschellt am Boden – da kommt richtig Romantik in der dunklen Nacht auf! Irgendwann falle ich zumindest in einen Döse-Zustand, der mir ein wenig Ruhe verschafft. Von echtem Schlaf ist das jedoch weit entfernt. Um 5:00 Uhr schäle ich mich also, alles andere als motiviert, aus dem Schlafsack und versuche, wieder einigermaßen ins Leben zu finden.
Beim Start ist der Geist zwar noch extrem benommen, aber die Beine haben sich gut erholt und leisten treue Dienste, was mich zuversichtlich stimmt. Ich habe den Zeitplan so getaktet, dass ich morgens um 07:00 Uhr in Rengsdorf am Rewe einlaufe, der etwa 500 Meter abseits des Rheinsteigs liegt, um zu frühstücken und die Vorräte aufzufüllen. Auch wenn die Beine nach etwa 95 Kilometern und mehreren tausend Höhenmetern am ersten Tag noch ganz gut mitspielen, so meldet sich nun der Magen mit einer leichten Übelkeit.
Pünktlich um 07:00 Uhr stehe ich an der Ladentür. Vorräte aufgefüllt, gefrühstückt, Kaffee getrunken. Der Körper ist in der Pause zum Glück bereit für die Nahrungsaufnahme und behält alles am rechten Platz, sodass die Lebensgeister schlagartig zurückkehren.
Um 08:00 Uhr ziehe ich wieder meines Weges auf dem Rheinsteig, diesmal Richtung Sayn. Nach zwei kurzen Stopps im Gebüsch – Detailangaben erspare ich der Leserschaft an dieser Stelle großzügig – ist auch mit meinem Magen und der Verdauung wieder alles im Reinen. Frisch gestärkt komme ich frohen Mutes voran. Das Gelände ist gnädig: viele Flowtrails, einfache Waldwege und vor allem viel Schatten. So erreiche ich Sayn um 10:30 Uhr voll im Plan nach circa 120 Kilometern.
Es ist nun 11:00 Uhr, das Thermometer klettert unaufhaltsam über die 30-Grad-Marke und die Sonne brennt unerbittlich nieder, sobald man den Schatten verlässt. An jeder noch so kleinen Möglichkeit – ob Bach oder Wasserstelle – kühle ich meinen Körper, indem ich meinen Hut und ein kleines Mikrofasertuch ins Wasser tunke und mir als Kopfkühlung umwickle. Der folgende Rheinsteig-Abschnitt bis Koblenz präsentiert sich im ersten Teil anspruchsvoller, als ich es von meiner KoBoLT-Teilnahme 2018 in Erinnerung hatte, und verlangt mir bei dieser Hitze einiges ab.
Auf den letzten 10 Kilometern bis Koblenz ist es dann aber vorbei mit der landschaftlichen Abwechslung – es wird zunehmend eintöniger. Statt durch kühlen Wald geht es immer häufiger über schattenlose Freiflächen, auf denen ich im eigenen Saft gegrillt werde. Als ich schließlich bei der Festung Ehrenbreitstein in einige Trailpassagen in Schieferhängen einlaufe, die sich im vollen Sonnenlicht wie ein Backofen aufgeheizt haben, bin ich endgültig geschrottet.
Mit wirrem Geist und müden Knochen schleppte ich mich in Richtung des Koblenzer Lidls – meiner persönlichen Oase in der Wüste. Kurz vor dem Ziel wird es noch mal skurril: Hostessen an einem Werbestand für Sportwagen versuchen, mich für eine Probefahrt zu begeistern. Welche Automarke? Keine Ahnung, hat mich auch nicht die Bohne interessiert. Mein Tunnelblick ist eisern auf das Lidl-Logo fixiert, für PS-Boliden und lächelnde Hostessen habe ich keine Synapse mehr frei. Ich winke dankend ab und erkläre den Damen, dass eine Probefahrt in meinem dehydrierten Zustand wohl etwas lebensmüde sei.
Erleichtert rette ich mich schließlich in den herrlich klimatisierten Supermarkt. Nachdem ich meine Vorräte aufgefüllt habe, verziehe ich mich in die angrenzende, schattige Tiefgarage. Dort schlage ich mein Lager auf, lege mich für 1,5 Stunden in den Schatten und starte das Projekt Schadensbegrenzung: Trinken, trinken, trinken und essen. Das mit der Nahrungsaufnahme funktioniert allerdings nur mäßig, da mein Magen angesichts der extremen Hitze in den Streik getreten ist.
Nach dieser wohlverdienten Pause berappele ich meinen müden Kadaver wieder und mache mich auf den Weg zum nächsten Zwischenziel: Braubach mit der bekannten Marksburg im Oberen Mittelrheintal. Zunächst geht es einige Kilometer an der Koblenzer Rheinpromenade entlang – unbarmherzig zurück in die knallende Sonne. Danach geht es zum Glück wieder viel im Schatten einen langen Anstieg hinauf, vorbei an einem schönen Bachlauf. Ich kann zwar einigermaßen meinen Speedhiking-Rhythmus wiederfinden, aber die Realität holt mich schnell ein: Wenn der Körper bei solchen Extrembelastungen erst einmal durch die Nachmittagshitze zerschossen wurde, erholt er sich so einfach nicht mehr.
Für den restlichen Tag komme ich jedenfalls nicht mehr auf Touren. An Laufen war kaum noch zu denken, also akzeptiere ich mein Schneckentempo und versuche einfach, langsam und stetig ohne große Ansprüche vorwärtszukommen.
Unterwegs passiere ich nun einige landschaftliche Highlights mit schönen Trailpassagen. Der absolute Höhepunkt ist dabei die wunderschöne Ruppertsklamm. Nach einem Schwenk durch das Lahntal erreiche ich schließlich das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal – mit einem grandiosen Blick auf die geschichtsträchtige Marksburg.
Um kurz nach 20:00 Uhr laufe ich schließlich in Braubach ein. Hier habe ich mir als persönliche Zwischenoase ein Gästezimmer gebucht, um einmal richtig zu schlafen, zu duschen und die Klamotten zu waschen.
Zusätzlich hatte ich mir vorab ein Verpflegungspaket an die Unterkunft geschickt, was im Rahmen einer Self-Supported-FKT erlaubt ist. Dieses Paket – vollgepackt mit einem ordentlichen Frühstücksporridge, Aminosäuren, Elektrolyten, Proteinshakes, Gels und Riegeln sowie mit meinem Ultra-Endurance-Kohlenhydratpulver für den Folgetag – wäre verdammt wichtig für mich gewesen. Per DHL war es auch schon zwei Tage vor meiner Ankunft angekündigt worden.
Wie der Teufel es aber will: Das Paket ist natürlich nicht da. Murphy’s Law schlägt eben immer dann zu, wenn man es am wenigsten braucht. Also muss ich am Abend noch schnell in den Supermarkt hetzen. Zum Glück hat der Netto noch bis 21:00 Uhr geöffnet, sodass ich mir dort irgendwie einen provisorischen Ersatz-Fraß zusammenkratzen kann. Die anschließende Dusche ist dafür eine absolute Wohltat, das Klamottenwaschen ebenso – und erst recht das gemütliche Bett! Trotz der Hitze im Zimmer schlafe ich um kurz nach 22:00 Uhr wie ein Stein. Um 4:20 Uhr klingelt schon wieder der Wecker, damit ich im Morgengrauen loskomme. Mein Plan ist es, so viele Kilometer wie möglich zu bewältigen, bevor die Hitze wieder reinknallt.
Tag 3: Die Königsetappe und die Tier-Safari
Die erholsame Nacht wirkt mental Wunder, und auch der Körper spielt wieder einigermaßen gut mit. Das ist für den kommenden Tag auch mehr als notwendig, denn das Obere Mittelrheintal gilt mit seinen vielen steilen, anspruchsvollen Trails durch die Schieferhänge als der schwierigste Abschnitt des gesamten Rheinsteigs. Mein neues Tagesziel ist ambitioniert: etwa 85 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter bis nach Assmannshausen.
In den noch frischen Morgenstunden komme ich stetig voran, wenn auch in Anbetracht des schwierigen Geländes alles andere als schnell. Immerhin spielen die Oberschenkel noch so weit mit, dass ich die Bergabpassagen locker traben kann. Und was noch viel wichtiger ist: Bei diesen milden Morgentemperaturen gelingt es mir wieder, die wunderschöne Landschaft zu genießen. Trotz aller Anstrengung packt mich die Dankbarkeit, das hier überhaupt erleben zu dürfen. Solche Momente dürfen auf solchen Touren einfach nicht fehlen. Wenn man diesen Blick gänzlich verliert, macht man etwas falsch.
Nach 25 Kilometern lege ich in Lykershausen einen Stopp im örtlichen Wanderkiosk ein. Auf diesen Besuch habe ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Der Inhaber Günter ist ein unglaublich herzlicher und lustiger Typ, der seine Wanderstation mit Leidenschaft betreibt. Es entwickelt sich ein netter Plausch. Für so etwas nehme ich mir auch bei einem FKT-Projekt gerne die Zeit. Auf einer solch zehrenden und einsamen Tour ist es auch emotional extrem viel wert, sich mal positiv mit Menschen auszutauschen, statt ständig nur im Tunnelblick unterwegs zu sein.
Aber es hilft alles nichts: Nach 45 Minuten muss ich langsam weiterziehen und versuchen, den Fokus wiederzufinden. Die Mittagszeit ist erreicht und damit kehrt auch mein alter Freund zurück: die Hitze, welche die Schieferhänge wieder auf unerträgliche Temperaturen aufglüht. Ich will hier nicht jeden Tag die gleiche Leier und Beschwerden über das Wetter niederschreiben. Schließlich habe ich mir den Termin selbst ausgesucht. Die Auswahl der richtigen Jahreszeit zählt eben auch zu den Skills eines erfolgreichen FKT-Projekts – und da habe ich diesmal einfach ein zu hohes Risiko gewählt.
In einem ähnlich angezählten Zustand wie am Vortag erreiche ich schließlich Sankt Goarshausen, auch wenn ich an diesem Tag ein wenig besser mit dem Klima zurechtkomme. Dort folgt das bewährte Prozedere meiner Supermarkt-Stopps: Essen und Getränke zusammenkratzen, ein schattiges Plätzchen in der Nähe suchen, 1 bis 1,5 Stunden ruhen und dabei trinken und essen, was irgendwie reinpasst.
Gegen 16:00 Uhr breche ich dann zur sogenannten Königsetappe des Rheinsteigs von Sankt Goarshausen nach Kaub auf. Die Motivation ist wieder da, denn ich habe mittlerweile über 200 Kilometer hinter mir gelassen. Ab diesem Moment bin ich felsenfest davon überzeugt, dass ich das Ziel in Wiesbaden auch erreichen werde. So wirklich auf Touren komme ich an diesem Spätnachmittag allerdings nicht mehr. Mein Körper hat schon wieder zu viel Tribut gezollt, weshalb sich das Vorwärtskommen wieder auf sehr viel Hiking beschränkt. Hier vermisse ich mein Kohlenhydratpulver aus dem verloren gegangenen DHL-Paket ganz besonders: Mein Magen ist diese ganzen verdammten Riegel und süßen Sachen total leid, auf die ich durch die reine Supermarkt-Verpflegung angewiesen bin.
So schleppe ich mich durch die wunderschöne Rheinsteig-Landschaft, die meinen Geist trotz aller Erschöpfung immer wieder bei Laune hält, bis nach Kaub. Dort kehre ich kurz in der Jugendherberge ein, um mir ein paar kalte Drinks zu gönnen. Auf die Frage der Wirtin, woher ich denn käme und wohin ich noch wandern wolle, ernte ich völlig verstörte Blicke. Aber das ist man auf solchen Touren ja gewohnt. Also nix wie weiter Richtung Lorch!
Es ist mittlerweile 21:00 Uhr. Die Temperaturen werden endlich angenehmer, und ich kann auf dem Trail noch einen herrlichen Sonnenuntergang genießen, bevor die Dunkelheit einsetzt. Der folgende Abschnitt kommt mir dann vor wie eine echte Safari – Wahnsinn, was in dieser Nacht an Tieren unterwegs ist: Unzählige Wildschweine, Rehe, Mufflons, Hirschkühe mit Kälbern, Marder, Füchse und Hasen kreuzen meinen Weg. Vor allem die Wildschweinrotten, die teils unmittelbar am Wegesrand im Dickicht liegen und sich oft nur durch den auffälligen Maggi-Geruch verraten, lassen mich jedes Mal aufschrecken. Bei jedem Grunzen direkt neben mir schießt das Adrenalin in die Höhe – stets begleitet von dem Kopfkino, dass mich gleich ein schwerer Keiler auf die Stoßzähne nimmt.
Das größere Problem ist jedoch, dass meine Füße von der extremen Belastung und der Hitze förmlich glühen. Jeder einzelne Schritt schmerzt, und die immer größer werdende Blase tut ihr Übriges. Als ich um Mitternacht Lorch erreiche, lege ich einen 30-minütigen Stopp ein, um meine Füße im frischen Wasser der Wisper zu kühlen und die Blase zu versorgen. Danach schleppe ich mich weiter über den Rheinsteig zum Teufelskadrich, einer Schutzhütte ein paar Kilometer vor Assmannshausen. An Laufen ist überhaupt nicht mehr zu denken; es ist eher ein Wanken durch die Nacht, untermalt von dämlicher Schlagermusik, die von irgendwelchen Partybooten auf dem Rhein herüberschallt. Totmüde erreiche ich gegen 03:00 Uhr morgens die Schutzhütte, richte mein Biwak ein und schlafe glücklicherweise schnell und gut für 90 Minuten.
Tag 4: Der Endspurt nach Wiesbaden
Tag 4 bricht an und damit das große Finale Richtung Wiesbaden: ein „Endspurt“ über die restlichen rund 75 Kilometer. Zum Morgengrauen um 05:00 Uhr setze ich mich wieder in Gang. Die 90 Minuten Schlaf haben tatsächlich verdammt gutgetan. In den noch kühlen Morgenstunden arbeiten die Beine wieder deutlich besser mit, sodass ich bergab und auf flacheren Passagen sogar wieder traben kann. Beim Friedhof in Assmannshausen fülle ich meine Flaschen auf und erreiche kurz darauf das Niederwalddenkmal. Normalerweise kann man diesen wunderschönen, geschichtsträchtigen Ort wegen der Menschenmassen kaum ertragen. Ich habe den Platz jedoch fast komplett für mich allein; nur ein älteres Pärchen genießt mit mir die grandiose Aussicht Richtung Bingen und Nahe.
Im weiteren Verlauf folgt der Rheinsteig vielen Weinbergwegen. Technisch ist das zwar unschwierig, in meinen Augen landschaftlich aber auch eher unspektakulär – weiter oben auf der Höhe gibt es wesentlich schattigere und schönere Trails. Trotzdem kann ich hier zunächst gut Meter machen, bevor die Sonneneinstrahlung wieder zunimmt und das alte Leiden von Neuem beginnt. Schon gegen 10:00 Uhr brennt die Sonne wieder unbarmherzig in die Weinberge, und ich sehne jeden schattigen Abschnitt herbei. Einen solchen Zufluchtsort finde ich schließlich beim Kloster Marienthal – ein sehr schöner, friedlicher Ort mit einer Freilichtkapelle, öffentlichen Toiletten und einem Wasserhahn für Wanderer. Da ich diese Oase zu dieser Uhrzeit nahezu komplett für mich allein habe, genieße ich eine ausgiebige Pause unter den schattigen Bäumen.
Der Rest der Tour ist eigentlich schnell erzählt: Es ist ein stetiges, zähes Auf und Ab, bei dem ich mich durch das Hinterland des Rheingaus nach Wiesbaden kämpfen muss. Insgesamt habe ich diesen Abschnitt leider ein wenig unterschätzt. In dem ständig wechselnden Gelände finde ich überhaupt keinen Rhythmus mehr. Im Oberen Mittelrheintal konnte man sich bei den langen Anstiegen noch voll aufs Powerhiking konzentrieren und die Abstiege locker traben. Hier jedoch ist infolge des Klimas sowie meiner zunehmenden körperlichen und mentalen Erschöpfung an ein ambitioniertes Vorwärtskommen kaum noch zu denken. Das ist für mich schwer zu ertragen, da dieses Terrain unter normalen Umständen eigentlich leichtes Gelände ist.
Beim Kloster Eberbach (Dank an die Toiletten in der Klosterschänke), in Kiedrich am Brunnen und an der Quelle im Zentrum von Schlangenbad habe ich glücklicherweise genug Gelegenheiten, mein Trinkwasser aufzufüllen und den Körper zu kühlen. Die Stopps brauche ich auch immer, um meine Blase notdürftig zu versorgen, da die Schmerzen ansonsten immer schlimmer werden. Mein Magen weigert sich schon lange, irgendetwas normal aufzunehmen. Ich quäle trotzdem immer mal wieder einen Riegel rein – denn ohne Mampf bekanntlich kein Kampf. Auf der Zielgeraden kann ich schließlich alles gebrauchen, nur keinen Hungerast.
Zu allem Überfluss verweigert dann auch noch meine Powerbank den Dienst. Obwohl sie eigentlich noch gut geladen ist, weigert sie sich, mein leeres Handy wieder zum Leben zu erwecken. Das ist mir allerdings wichtig, denn mein Kumpel Andre hat mir angeboten, mich im Ziel am Biebricher Schloss mit einer Pizza zu empfangen, und dafür müssen wir uns zeitlich abstimmen. So kommt es zu einer absolut skurrilen Szene: Am Friedhof und der kleinen Kirche in Frauenstein – einen Steinwurf von meiner eigenen Wohnung entfernt, die ich nach dem strengen FKT-Reglement aber auf keinen Fall betreten darf – suche ich verzwefelt nach einer Steckdose. Zum Glück werde ich fündig. Gott sei Dank war meine GPS-Uhr zuvor ausreichend geladen. Nicht auszudenken, wenn die Aufzeichnung des GPX-Tracks abgebrochen wäre und damit meine FKT-Zeit zerstört gewesen wäre.
Nachdem der Zieleinlauf koordiniert ist, quetsche ich auf den letzten 10 Kilometern noch mal alles aus mir heraus. Ich will das Ding jetzt einfach nur noch hinter mich bringen. Die ganz großen Emotionen stellen sich diesmal allerdings nicht wirklich ein. Körper und Geist sind wohl einfach zu sehr durch die Hitze abgestumpft. Durch unspektakuläre Wiesen und Weinberge erreiche ich Schierstein, wo zu allem Überfluss auch noch das Schiersteiner Hafenfest auf mich wartet – inklusive Menschenmassen.
Augen zu und durch! Glücklicherweise wird es am Rheinufer wieder ruhiger und so laufe ich – letztlich doch mit riesiger Freude – nach gut 83 Stunden, 320 Kilometern und 11.000 Höhenmetern erfolgreich am Biebricher Schloss ein. Ich freue mich wie ein Schneekönig über die Pizza, eine eiskalte Flasche Cola und den großartigen Zielempfang. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle noch mal an Andre!
Fazit
Wenn man am Ende ein Self-Supported-Projekt über 320 Kilometer erfolgreich über die Bühne bringt, darf (und muss!) man zufrieden und stolz sein. Und das bin ich definitiv! Vor allem bin ich sehr dankbar, dass mein Körper diese extreme Belastung bis auf das Blasen-Debakel am Fuß so super mitgemacht hat. Keine Beschwerden an den Sehnen, keine Gelenkschmerzen – und dass Muskelkater und müde Knochen beim Ultralaufen zum guten Ton gehören, muss man eben abkönnen.
Was mir beim Blick zurück auf die nackten Daten aber immer wieder extrem auffällt: Es ist Wahnsinn, wie quälend langsam das Tempo bei einem solchen mehrtägigen Projekt letztlich wird. Man verschätzt sich völlig darin, wie viel Zeit man durch die paar Ruhepausen, das Lecken der Wunden, die Supermarktbesuche, all die kleinen logistischen Aufgaben und letztlich durch die müden Knochen verliert. Was am Ende von der reinen Durchschnitts-Pace her wie ein gemütlicher Sonntagsspaziergang aussieht, ist in der Realität harte Arbeit.
Trotz aller Freude über das Finish fragt man sich als ambitionierter Sportler natürlich: Wie gut ist die Strategie aufgegangen und was hätte man besser machen können? Rückblickend bin ich der Meinung, dass diese FKT-Zeit von ambitionierten, erfahrenen Ultraläufern bei verträglichem Klima gut und gerne um 5 bis 10 Stunden unterboten werden kann. Damit ist selbst die magische Marke von 3 Tagen (72 Stunden) absolut im Bereich des Möglichen. Für mich persönlich war das Ergebnis unter den gegebenen Bedingungen jedoch zufriedenstellend. Es war eine gute Balance, die mich einerseits an meine Grenzen gebracht hat, mir andererseits durch die geplanten Ruhezeiten aber auch erlaubte, das Projekt und die Landschaft streckenweise zu genießen.
Sollten sich andere Ultraläuferinnen oder Ultraläufer dazu berufen fühlen, dieses Abenteuer ebenfalls in Angriff zu nehmen, so kann ich es nur weiterempfehlen! Ich würde mich über andere FKT-Versuche freuen und unterstütze gerne mit all den Erfahrungswerten, die ich unterwegs sammeln durfte. Ein solches Self-Supported-Projekt bietet in der intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst ganz eigene, tiefe Reize – und es müssen auch nicht direkt 300 Kilometer sein.
Den Link zur offiziellen FKT-Seite findet ihr hier: Fastest Known Time – Rheinsteig Meine Zeit wurde aktuell eingereicht und befindet sich noch in der offiziellen Prüfung. Da ich den Track absolut sauber abgelaufen bin, gehe ich fest davon aus, dass das Ding bald offiziell abgesegnet wird!
Herzlichen Dank für dein Interesse, falls du bis hierher gelesen hast 😊.
Sportliche Grüße, Mario
Quellenangaben und Querverweise:
- Text und Fotos: Mario Hoff





