Lavaredo Ultra Trail: So respekteinflössend wie der Name klingt
Vor den Rennen
Wir machten uns am Mittwoch vor den Rennen auf den Weg in die Dolomiten mit einer Zwischenübernachtung in Seefeld, Tirol. Wenn man sich rund um Cortina d’Ampezzo bewegt, wundert man sich, wie hier vor ein paar Monaten die olympischen Winterspiele stattfinden konnten. Überall sind Baustellen, unfertige Straßen oder Hotelbauten. Selbst das Eisstadion, wo im Februar noch die Curling-Wettbewerbe ausgetragen wurden, war nur halbfertig saniert. Dort war aber das Race Headquarter, die Startnummernausgabe und die Expo untergebracht. Die Parkplatzsuche war schwierig, aber mit etwas Glück fanden wir einen Stellplatz in der Nähe des Stadions. Ein paar Ordner versuchten dem Verkehrschaos Herr zu werden, aber das war in der Stadt illusorisch.
Die Abholung der Startunterlagen für die 50k verlief UTMB-typisch natürlich sehr geordnet und ohne lange Wartezeiten. Die Expo war durch den beschränkten Raum innerhalb der Halle überschaubar, Highlight war sicher die Präsentation von Dynafits neuem Superschuh, den man allerdings auch nur anschauen konnte. Ansonsten gab es wenig Überraschendes. Wir sind dann noch ein wenig durch die Stadt geschlendert, haben uns das Startgelände angesehen und sind dann zur Unterkunft, um dem Trubel noch etwas zu entgehen.
Ecstasy of Gold für die 50k
Am nächsten Morgen ging es dann schon 5:15 Uhr nach Cortina. Wir nutzen dieses Mal den Shuttle-Parkplatz ca. 20 Minuten außerhalb des Zentrums und fuhren mit dem Bus zum Start. Das hat auch alles wunderbar funktioniert, sodass wir ca. 1h vor dem Start in der Stadt ankamen. Die Tasche mit den Wechselklamotten konnten direkt in einer Sporthalle an der Bushaltestelle abgegeben werden. Unweit der Startlinie fanden wir noch einen Tisch in einem Cafe, um uns zu stärken und auf den Moment zu warten. Ich verabschiedete meine Freundin und sie suchte sich einen Platz im Startbereich. An diesem Tag hatte ich die Supporter-Rolle.
Der Start wurde selbstverständlich episch inszeniert. Wer bei Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“ keine Gänsehaut bekam, war wahrscheinlich noch nicht richtig wach. Es dauerte fast 10 Minuten bis sich die letzten der rd. 1.800 Läuferinnen und Läufer auf die Strecke begeben konnten. Die ersten 2 km verlaufen relativ flach aus der Stadt heraus, bis es in den ersten Anstieg geht. Auf 4,5 km sind ca. 500 Hm zu überwinden – weniger technisch, aber mit durchaus steilen Abschnitten. Bis zur ersten Verpflegungsstation bei Km 17 folgt ein flowiger Abschnitt, der immer wieder hoch und runter geht, zwischenzeitlich aber einige Schwierigkeiten im Downhill enthielt. Die Abstände zwischen den Aid Stations sind vor allem am Anfang aller Rennen ziemlich groß, es gibt aber immer wieder Brunnen oder Bachläufe zur Abkühlung. Kurz vor der VP treffen sich auch die Strecken der 80 und 120k-Läufer, sodass ab diesem Zeitpunkt dieselben Trails gelaufen werden – nur eben zu unterschiedlichen Zeiten. Daher wurde es auch zu keiner Zeit voll auf den Trails, Staus gab es nur anfänglich an einigen Engstellen, aber dies führte zu keinen größeren Verzögerungen.
Während meine Freundin lief, machte ich mich wieder auf den Weg zum Eisstadion, um meine Startnummer abzuholen. Das funktionierte auch reibungslos, sodass ich mir nun überlegen konnte, wie ich an die Strecke zum Supporten komme. Von der Organisation gab es den Hinweis, dass entlang der Pässe keine Parkmöglichkeiten bestehen und man den Shuttlebus nutzen solle. Diesen Abschnitt in den Hinweisen haben wohl die wenigsten gelesen, da ich letztendlich allein in dem Reisebus zum Col Gallina saß. Aufgrund der Taktung der Shuttlebusse musste man sich auch entscheiden, an welchen Pass man fährt, da es zeitlich nicht möglich war, an mehreren Stellen zu erscheinen. Die zweite offizielle VP des Tages lag aber ziemlich genau in der Mitte des Rennens, sodass hier die moralische Unterstützung sinnvoll war – mehr als das war im 50k Rennen nicht erlaubt.






Halbzeit
Der Anstieg zum Col Gallina zog sich in die Länge, an der VP hatte man dann schon 1.500 Hm in den Beinen. Man hatte aber das gute Gefühl, dass ja eigentlich gar nicht mehr so viel kommen kann. Die Streckenplaner hatten sich aber trotzdem noch ein bisschen was ausgedacht.
Ich war rechtzeitig an der VP angekommen und konnte sehen, dass es meiner Freundin gut ging und sie auch keine Probleme mit den Cutoffs befürchten muss. Insgesamt sind diese auch sehr fair gestaltet und berücksichtigen auch, dass sich das Feld am Anfang erstmal sortieren und auseinanderziehen muss, bis man sein eigenes Tempo findet.
Die folgenden rd. 8 km bis zur nächsten großen VP am Passo Giau führen über weitere 500 Hm auf den höchsten Punkt der Strecke bei knapp 2.400 m. Die Sonne brannte, aber die Temperaturen von ca. 20 Grad in der Höhe waren durchaus angenehm. Weniger angenehm waren die Trails bei nachlassender Kraft. Wurzeln und Steine säumten die Wege, je weiter es nach oben ging, desto verblockter wurde das Gelände. Die Kuppe war eine Skistation – breit aber steil in beide Richtungen. Hier hieß es dann mit den Kräften zu sparen, da noch der lange Downhill nach Cortina auf dem Plan stand.
Nach der VP – und dem letzten Cutoff vor dem Ziel – folgte ein relativ flacher Abschnitt auf der Hochebene, der sich auch gut laufen ließ. Die Garmin zeigte aber schon den nächsten Anstieg an, der sollte es in sich haben. Der Abschnitt war nur ca. 800m lang und begann flach mit 3-5 % Steigung, die letzten 500m davon hatten dann aber 30 – 35 %. Da mussten die Stöcke ganze Arbeit leisten und der Puls marschierte schneller nach oben als die Beine. Irgendwann hatte man aber auch das geschafft und konnte sich mit einer kurzen Gegensteigung auf den leichten Downhill Richtung letzter großer VP aufmachen. Nach dem Rifugio Croda Lago kam „nur noch“ der abschließende Weg ins Tal, etwa 10 km bis ins Ziel. Dieser Abschnitt zeigte, ob man sich die Kräfte wirklich gut eingeteilt hat. Anfängliches Geröll wechselte sich mit Wurzeln ab, man tauchte tiefer in den Wald ein je niedriger man kam. Die Oberschenkel brannten, die Knie waren beleidigt und der spannendste Teil kam erst noch. Es wurde langsam schwüler und Gewitter drohte. Zwischen Kilometer 42 und 43 folgte ein Abschnitt mit 35 % Gefälle bei losem Untergrund. Hier gehörte viel Glück dazu, sich nicht auf den Hosenboden zu setzen. Man unterstützte sich aber gegenseitig auf der Strecke, hier ging es niemandem mehr um die Platzierung. Aber irgendwie ist man dann doch unten angekommen und konnte die letzten, leicht abschüssigen Kilometer auf Asphalt in der Stadt genießen. Die Zielgerade kannte man ja schon vom Start und es waren weiterhin ähnlich viele Menschen unterwegs, die einen durch den Zielbogen peitschten. Am Ende standen bei meiner Freundin etwas über 10 Stunden auf der Uhr, für den ersten alpinen Ultra eine ordentliche Leistung. Immerhin kommen wir aus dem Flachland und können die langen Up- und Downhills nur schwer trainieren.





Vorbereitung auf Teil 2
Nach einem erfrischenden Kaltgetränk im Zielbereich suchten wir uns noch schnell ein Restaurant in der Innenstadt. Ich hatte mir in der Wartezeit zwar schon die erste Portion Nudeln gegönnt und dabei auch das ein oder andere bekannte Gesicht aus der deutschen Trailszene getroffen, aber ein bisschen mehr Carboloading für meine 80 Kilometer sollte nicht schaden. Meine Freundin musste schließlich Ihre Speicher auch wieder auffüllen. In Italien gutes Essen zu finden, ist auch nicht wirklich schwer und im Gegensatz zu anderen Urlaubsregionen ist es sogar bezahlbar. Danach ging es zurück in die Unterkunft, mein Start drohte 7 Uhr am nächsten Morgen.
Dieser fand als einziger nicht in Cortina statt, sondern in Auronzo di Cadore, etwa 45 Minuten außerhalb der Stadt. Wir sind mit dem Auto dorthin gefahren, es gab aber auch die Möglichkeit von Shuttlebussen aus Cortina. Epische Musik wurde auch dort gespielt, es gab aber deutlich weniger Zuschauer. Hinter dem Startbogen sah man aber sofort, dass hier keine Gefangenen gemacht werden, es ging sofort in den Anstieg. Auf 11 km warteten 1.300 Höhenmeter, nicht sehr technisch, aber bis zu 20 % steil. Nach 3 km asphaltiertem Weg folgte ein Singletrail bis fast nach oben. Ich reihte mich also ein und stapfte mit Hilfe der Stöcke nach oben. Da der Tag wärmer werden sollte als die letzten, wurde am Start schon bekannt gegeben, dass sich nach ca. 8 km ein Wasserfall befindet, der zum Auffüllen der Flaschen geeignet ist. Die Organisation hatte zusätzlich kurz vorm Gipfel nochmal eine Wasserstation eingerichtet, die auch reichlich genutzt wurde, die erste offizielle VP sollte erst nach knapp 26 km folgen.
Die Drei Zinnen
Nach der letzten Kehre zeigten sich endlich die Tre Cime di Lavaredo – die Drei Zinnen. Aufgereiht wie auf einer Theaterbühne haben sich allein für diesen Anblick die Strapazen gelohnt. Allein war man dort oben allerdings nicht, zum einen kamen die 120er über einen Gegenanstieg zu den Drei Zinnen, zum anderen waren natürlich jede Menge Wanderer dort oben, die sicher den größten Teil des Anstiegs mit dem Bus erledigt haben. Wer rechtzeitig wieder in den Downhill ging, hatte sicher weniger Hindernisse. Da ich eher am Ende des Feldes unterwegs war, hieß es Slalom Laufen. Auf den nächsten 10 km ging es rd. 1.000 Meter bergab, sicher einer der schönsten Abschnitte des Rennens. Man war noch gut bei Kräften, der Trail war super laufbar. Bis zur VP zog es sich aber hin, der eine oder andere Wasserlauf wurde zur Kühlung genutzt, meine 4 Flasks waren am Ende trotzdem komplett leer. Cimabanche konnte nur über einen geschotterten Radweg erreicht werden, der komplett in der Sonne lag. Das Flachstück zog sich irgendwie endlos hin. In der VP wollte ich mich aber auch nicht ewig aufhalten, Flaschen gefüllt, ein bisschen Obst gegriffen und weiter. Bis zur nächsten VP waren es nur 10 km, die Hälfte davon bergauf – allerdings auch nicht zu steil, dafür aber ordentlich sonnig. In diesem Anstieg kam mir Denis vom Trailmagazin entgegen, der leider zuviel von der Sonne auf seiner 120k Strecke abbekommen hatte und das Rennen nicht finishen konnte. Nach ein paar kurzen, tröstenden Worten ging es für mich aber weiter. Ich merkte aber auch, dass mir die Wärme die Kraft raubte und ich auch nicht die geplanten Kohlehydrate zu mir nehmen konnte. Es war aber noch nicht einmal die Hälfte des Rennens absolviert. Nach der VP traf ich einen deutschen Mitläufer, der den Streckenabschnitt treffend beschrieb: „Da hat uns einer wieder ordentlich Steine in den Weg gelegt …“. Wirklich laufen konnte ich nicht mehr, die Oberschenkel waren ok, die Knie aber sehr wackelig, sodass ich eher vorsichtig nach unten wanderte.
Es folgte der lange Anstieg zum Col Gallina, den ich ja schon aus den Berichten von meiner Freundin kannte. Ab hier waren die Strecken bis zum Ziel identisch. Die Uphills funktionierten weiterhin sehr gut, ich sammelte immer wieder Läufer ein – die mich auf den Downhills stehen ließen. Kurz vor mir muss ein Gewitter über den Hang gezogen sein, ich freute mich über die kühlere Luft, der Downhill zur VP war dafür aber etwas matschig, sodass ich auch dort wieder eher die Vorsicht walten ließ. An der Aid Station wartete meine Freundin auf mich, die mich im Gegensatz zum Vortag aber auch offiziell supporten durfte. Das war auch durchaus notwendig und tat sehr gut: frische Socken und Schuhe, Blasen verarzten und noch ein neues T-Shirt brachten neues Leben. Ich hatte es nicht eilig, wieder auf die Trails zu kommen. Mein Zeitziel konnte ich sowieso nicht mehr erreichen, ich wollte aber auf jeden Fall ins Ziel kommen. Da ich so langsam war, musste meine Freundin auf das letzte Shuttle warten, was erst nach 21 Uhr wieder ins Tal fuhr. Es wurde für uns beide eine lange Nacht. Das tat mir auch für sie sehr leid.
Erster Stirnlampeneinsatz
Am folgenden Anstieg setzte die Dunkelheit ein, auf dem Gipfel holte ich meine Stirnlampe heraus, die ich bisher noch nie in einem Rennen benutzen musste. Die VPs kamen jetzt in kürzeren Abständen, was die Zeit etwas schneller vergehen ließ. Bergauf war mit dem wenigen Licht überhaupt kein Problem, man konnte anhand der Lichtkegel auch schon von weitem sehen, wo es lang ging. Von der Umgebung habe ich allerdings nicht mehr viel mitbekommen, der Mond war die meiste Zeit hinter Wolken versteckt. Der letzte Cutoff am Passo Giau war auch kein Problem, auch wenn ich natürlich viel eher bei Kilometer 64 sein wollte. Ich hatte nun noch den steilen Anstieg vor mir und vor allem den nicht weniger interessanten Downhill, bei dem ich tatsächlich auch zweimal ausrutschte und auf dem Hosenboden saß. Gerade im Wald musste sich meine Sicht an die Lampe gewöhnen, es war schwierig zu erkennen, wann der Boden fest und wann lose war. Als ich den technischen Abschnitt bezwungen hatte, nahm ich die letzte Kraft zusammen und versuchte, zumindest vor 4 Uhr morgens im Ziel zu sein. Das ging überraschend gut, der Körper hatte sich wohl etwas erholt und hat dem Laufschritt wieder standgehalten. Nach fast 21 Stunden war ich endlich auch in Cortina angekommen. Die Anspannung ließ nach und ich saß wie ein Häufchen Elend auf der Straße – glücklich, aber fix und fertig.
Es war natürlich nicht mehr viel los in der Stadt, zumindest ein Finisher-Bier wurde aber noch bereitgehalten. Meine Freundin hatte noch eine Pizza besorgt, die im Auto auf dem Rückweg auch kalt super geschmeckt hat. Wäre ich 2-3 Stunden eher angekommen, hätte ich noch die große Partystimmung in der Stadt aufsaugen können. So blieben mir nur die Berichte.
Fazit
Letztendlich waren wir beide zufrieden, unsere ersten alpinen Ultras gefinisht zu haben. Die Zeiten hätten besser sein können, aber dafür muss das Training noch besser spezialisiert und auch die Ernährung konsequenter durchgezogen werden. Körperlich haben wir es beide auch sehr gut überstanden, der Muskelkater hielt sich in Grenzen. Die Müdigkeit hielt aber noch ein paar Tage an, Erholung war angesagt.
Die Veranstaltung war gut organisiert, es fehlte an nichts. Die Verpflegungsstationen waren auch für die letzten Teilnehmer gut bestückt. Frisches Obst, Gebäck, Nudeln, Käse und Salami gabs reichlich, dazu natürlich die Produkte eines Sponsors. Wir hatten den Lauf weniger technisch eingeschätzt, in den vielen schönen YouTube-Videos sieht man aber nur die gut laufbaren Abschnitte in der wunderschönen Landschaft. In den Teilen, die man nicht sieht, müssen die Content Creator wohl lieber die Hände für Balance frei haben und können nicht filmen. Vielleicht kommen wir irgendwann wieder, zumindest in die Dolomiten. Die sind auf jeden Fall eine Reise wert. Die Landschaft lässt einen hinter jeder Ecke einfach nur staunen und die Luft anhalten. Den Lavaredo haben wir eher von der Bucket List gestrichen. Es war ein Once-in-a-lifetime Erlebnis, was noch lange vorhalten wird.
euer Tobias
Trailrunning24 – TrailCompany