„Das beste Rennen meines Lebens“ – Florian Neumaier über das Abenteuer Western States
Der Western States Endurance Run gilt als der älteste und einer der prestigeträchtigsten 100-Meilen-Ultraläufe der Welt. Wer hier finishen will, muss nicht nur die brutalen Canyons Kaliforniens bezwingen, sondern erst einmal das enorme Losglück in der berüchtigten Startplatz-Lotterie haben. Florian Neumaier hat genau das geschafft: Mit nur zwei Losen im Topf sicherte er sich einen der begehrten Startplätze für das legendäre Rennen 2026. Wie er die extremen Bedingungen von eisigen Sturmböen am Start bis hin zu Magenproblemen in den Canyons meisterte, warum seine Familie ihn mental rettete und wie emotional der Einlauf auf der legendären Leichtathletikbahn in Auburn war, erzählt er im Interview auf Trailrunning24.
Das Lotterie-Glück und die Vorfreude
Markus: Die Startplatz-Lotterie beim Western States ist berüchtigt. Wie oft musstest du es versuchen, bis du endlich am Start in Olympic Valley stehen durftest, und was ging dir beim Startschuss durch den Kopf?
Flo: Ich hatte nur zwei Lose im Topf, also zwei Bewerbungen, und das auch nur aus reinem Zufall! Man muss ja bestimmte Qualifier laufen, um sich bewerben zu können. 2024 und 2025 bin ich je zufällig Rennen gelaufen, welche die Bewerbung möglich machten. Ehrlich gesagt war es nicht mein Plan, mich dort regelmäßig zu bewerben, weil die Chancen ja so extrem gering sind…
Der Start war super entspannt. Endlich ging es los. Ich konnte es nicht erwarten. Pure Vorfreude!
Info: Für 2026 gab es 11328 Bewerber*innen auf 257 Startplätze. Mit zwei Losen im Topf hatte man eine Chance von 0,6% für einen der begehrten Startplätze gezogen zu werden.
Mythos vs. Realität bei 5 Grad am Start
Markus: Der Mythos WSER ist riesig. Hat sich das Rennen beim Laufen so angefühlt, wie du es dir in deinen Träumen ausgemalt hast, oder war die Realität auf den Trails eine völlig andere?
Flo: Der Mythos ist riesig und genau das wollte ich so intensiv wie möglich erleben! Mein Ziel war, jede Meile zu genießen und alles aufzusaugen, was den WSER ausmacht – die Trails, die Natur, die Volunteers und Crews an den Aid Stations sowie die Stimmung unter den Läufern. Das war sozusagen mein Mantra während des Rennens. Das konnte ich ziemlich gut umsetzen und wurde nicht enttäuscht!
Markus: Das Jahr 2026 ging als eines der schnellsten überhaupt in die Geschichte ein – die Temperaturen waren für kalifornische Verhältnisse ungewöhnlich kühl. Wie hast du die Bedingungen erlebt und hat das deine Renntaktik beeinflusst?
Flo: Ich habe mich auf die übelste Hitze meines Lebens eingestellt und wir hatten am Start unter 5 Grad und Sturmböen. Später wurde es in den Canyons aber schon noch ziemlich warm. Kühlen und Ice Bandana waren trotzdem angesagt! Meine Renntaktik hat sich dadurch aber nicht geändert. Ich bin das erste Drittel super entspannt angegangen und habe versucht, möglichst viele Körner für die Canyons und das letzte laufbare Drittel zu sparen.
Magenprobleme im Canyon
Markus: Man sagt, beim Western States stirbt man entweder im Schnee des High Country oder in der Hitze der Canyons. Wo war dein härtester Moment im diesjährigen Rennen?
Flo: Glücklicherweise hatten wir weder Schnee noch extreme Hitze! Ich hatte bei km 65–70 ein kleines Tief – Nasenbluten und Bauch! In der Aid Station „Last Chance“ (km 70) hat sich mein Magen dann einmal entleert, danach ging es wieder gut! Leider gab es an den VPs nur gechlortes Wasser, was mir bis dahin anscheinend nicht so gut bekam…
Der Rückhalt der Crew
Markus: Ab Meile 62 (Foresthill) darf ein Pacer dazustoßen und die Crew-Zonen sind legendär. Wie wichtig war deine Crew für dich und gab es einen Moment, in dem sie dich mental retten musste?
Flo: Meine Crew sah ich insgesamt vier Mal: Robinson Flat (km 49), Foresthill (km 99), Rucky Chucky (km 125) und Pointed Rocks (km 152). Grundsätzlich laufe ich diese langen Kanten immer nur von VP zu VP und mache mir so keine Gedanken über die restliche Distanz bis zum Ziel. Zu wissen, ich sehe die Crew, also meine Family, unterwegs vier Mal, war für mich mental unglaublich hilfreich und hielt die Motivation noch höher, als sie eh schon war. An diesem Tag gab es keine Sekunde, in der ich nicht an ein Finish geglaubt habe.
Freudentränen im Ziel
Markus: Der Einlauf auf der legendären Placer High School Leichtathletikbahn in Auburn: Was brennt in diesem Moment mehr – die Beine vor Erschöpfung oder die Augen vor Freudentränen?
Flo: Ganz klar die Augen! Die letzte Meile wird in WSER-Tradition immer mit der gesamten Crew gelaufen. Die Emotionen kann man sich nicht ausdenken! Auf einmal sind die Beine wieder frisch und die Erschöpfung ist ausgeblendet. Am Track angekommen, bin ich die Dreiviertelrunde alleine gelaufen, während die Crew im Ziel gewartet hat. Ich kann es bis heute nicht glauben, diese Ziellinie überquert zu haben.
Markus: Du hast das Rennen gefinisht. Welchen Stellenwert hat die Gürtelschnalle (Buckle) für dich persönlich im Vergleich zu anderen Trail-Erfolgen?
Flo: Ich hatte beim Western States das mit Abstand beste und schönste Rennen meines Lebens. Meine Erwartungen wurden in allen Richtungen übertroffen. Die Buckle bekommt einen eigenen Schrein! 😉
Ganz besonders war auch, dass mich meine Eltern und meine Frau beim Rennen begleitet haben und mein Dad mich die letzten 10 km als Pacer ins Ziel begleitet hat!
Ausrüstung und Verpflegung
Markus: Was war dein wichtigstes Gear-Piece (Schuhe, Weste etc.) und wie hast du das Thema Verpflegung/Elektrolyte bei diesem brutalen Profil gelöst?
Flo: Aufgrund der vielen Flussdurchquerungen und der extrem trockenen und teils sandigen Trails war der Fokus auf die Füße gerichtet. Ich habe mich auch hier auf das Schlimmste eingestellt, bin aber mit nur einer kleinen Blase durchgekommen, obwohl ich nur einmal Socken gewechselt habe und den Schuh komplett durchgetragen habe.
Aufgrund der humanen Temperaturen hielt mein Magen ganz gut durch. In der Vorbereitung habe ich mich speziell mit dem Thema Elektrolyte etwas mehr befasst und so meine Race-Nutrition oft trainiert und verfeinert. Im Rennen hatte ich damit keinerlei Probleme und keine Krämpfe.
Markus: Mit welchen Schuhen bist du gelaufen?
Flo: Ich durfte den Dynafit Ultra DNA 2 tragen. Der mit Abstand beste Schuh, den ich je hatte!
Die harten Fakten
Am Ende stand bei Flo eine Endzeit von 23:18:17 auf der Uhr. Er belegte damit den 96. Platz und noch viel wichtiger, holte sich die silberne Gürtelschnalle, die nur Finisher mit einer Zeit unter 24 Stunden erhalten.
Quellenangaben und Querverweise:
- Interview: Markus Attenhauser mit Florian Neumaier
- Fotos: by Helge Röske
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