Der Start ins Abenteuer: Auf die Königsdistanz
So langsam schmilzt der Schnee in den Alpen, und endlich stehen die Trails wieder bereit für lange Abenteuer. Die Hochkönig Ultraks versprechen nichts weniger als das, und so reihte auch ich mich mal wieder am Wochenende an einer Startlinie ein. Wie es mir auf der „Königsdistanz“, dem HK70, der mit stolzen ca. 4,400 Höhenmetern aufwartet, erging, berichte ich euch im folgenden Beitrag.
Früh morgens um 05:00 Uhr werde ich gemeinsam mit ca. 180 anderen Startern auf die Strecke, die uns unterhalb des Hochkönigs und über die Dientner Grasberge entlangführen soll, geschickt. Pünktlich zum Start erreicht das erste Licht das Hochkönig-Massiv, was trotz großer Müdigkeit die Motivation, in das Abenteuer aufzubrechen, deutlich erhöht. Und das war auch nötig, denn bereits auf den ersten Metern geht es bergauf: zuerst über Forstwege, dann über Singletrails zur ersten Verpflegungsstation, der Erichhütte.
Postkartenidylle: Flowige Trails vor Traumkulisse
Auf dem Weg lasse ich immer wieder meinen Blick nach hinten schweifen, wo auch die Kitzbühler Alpen so langsam von der Sonne erfasst werden. Nach einem kurzen Stopp, um Wasser aufzufüllen, geht es von der Erichhütte zum Arthurhaus: mit Blick auf die gewaltigen Wände des Hochkönigmassivs und in die Ferne bis zum Großglockner. Leicht wellig und auf flowigen Singletrails traben wir vor dieser Traumkulisse über Almen bei strahlendem Sonnenschein auf und ab – definitiv einer meiner Lieblingsmomente während des Laufs.
Vor 2 Jahren war ich diesen Teil der Strecke des Hochkönig Ultraks noch in der Nacht im Dunkeln gelaufen, als der Start des Rennens um 12 Uhr nachts, die Strecke noch etwas länger war und es ununterbrochen geschüttet hat. Der Unterschied ist gewaltig und ich kann es kaum fassen, wie schön es wieder ist, in den Bergen unterwegs zu sein.
Rhythmus finden und Körner sparen
Am Arthurhaus, an dem es nach ca. 18 Kilometern die erste feste Verpflegung gibt, stärke ich mich schnell für den zwar kurzen, aber dennoch intensiven Anstieg über eine Forststraße auf den Hochkeil. Glücklicherweise werden wir von einem Supporter angefeuert, der uns mit Musikbox und flotten Sprüchen bereits zur Erichhütte hinaufgetrieben hatte. So langsam finde ich in den Rhythmus des Laufs und kenne die Läufer um mich herum. Wir witzeln auf dem 9 km langen, steilen Downhill nach Mühlbach. Ich laufe gezielt langsam, damit ich noch genügend Kräfte für den Rest der Strecke habe, da zwar schon über 20 Kilometer hinter uns liegen, aber auch noch ca. 3.000 Höhenmeter vor uns.




Die Hitzeschlacht am Schneeberg
Nach der Verpflegung in Mühlbach wartet der steilste und längste Anstieg des gesamten Rennens: ca. 1.200 Höhenmeter auf 7 Kilometer auf den Schneeberg hinauf. Es ist sehr steil, und wir rösten unter der steigenden Sonne nur so wie Brathähnchen dahin. Doch ich mag das stete Steigen und dank meiner Stöcke geht es auch relativ gut diesen Berg hinauf. Oben angekommen bietet sich wieder ein Panoramablick, aber auch eine ganz andere Landschaft als am Hochkönig: Statt Felswänden sind die Berge hier grasbewachsen, und man sieht Ziegen und Kühe weiden. Die Wasserstation am Schneeberg ist bei den steigenden Temperaturen sehr willkommen.
Nach dem obligatorischen Gipfelkreuzfoto geht es direkt weiter, nur um nach einigen hundert Metern ein weiteres Gipfelkreuz zu erreichen. Der Schneeberg ist nämlich ein doppelgipfliger Berg. Nachdem wir den Hauptgipfel passiert haben, traben wir über einen flowigen und untechnischen Downhill nach Dienten, wo es nach ca. 44 Kilometern neben der nächsten festen Verpflegung das Dropbag gibt. Wie an jeder Verpflegungsstation sind die Helfer wahnsinnig nett und hilfsbereit. So langsam hätte ich mir ein bisschen mehr salzige und feste Nahrung gewünscht (wie Brühe, Salami, Nudeln und Brot), da mein Magen nach 7 Stunden Gels und Drinkmix genug von Obst und Gummibärchen hat. Das ist jedoch Jammern auf hohem Niveau – im Grunde waren die VPs top ausgestattet.
Der Blick zum Himmel: Die Angst fliegt mit
Zwar liegen die größten Anstiege mittlerweile hinter uns, aber meine Beine sind so langsam auch nicht mehr ganz so frisch. Nach Dienten geht es auf den letzten längeren Anstieg auf die Marbachhöhe und weiter in Richtung Klingspitz. Der Himmel zieht sich so langsam zu, und bei der Wasser-Verpflegungsstelle auf der Lettenalm frage ich bereits die Bergretter nach der Wetterentwicklung. Seit einer extremen Erfahrung am Monte Rosa auf über 2.000 Metern bin ich bei Gewitter in den Bergen ein ziemlicher Schisser. Zumindest lenkt mich meine Sorge von der Anstrengung ab.
Nach dem letzten kurzen Anstieg auf die Klingspitz werden wir wieder mit grandiosen Ausblicken belohnt. In alle Richtungen erstrecken sich die Grasberge, und in der Ferne entdecke ich auf einem anderen Gipfel eine Hütte: das Statzerhaus. Ich mache mich darauf gefasst, dass der Weg dorthin länger sein wird als gedacht, da man zunächst auf dem Kammweg entlang, dann aber ein paar Höhenmeter absteigen muss, um dieselbe Höhe auf der anderen Seite wieder zu erklimmen. An der Klingspitz stehen wieder zwei Bergretter, die jeden einzelnen Läufer fragen, ob es ihm noch gut geht. Ich habe mich wirklich selten bei einem Lauf so gut umsorgt gefühlt.
„Ich bin so erleichtert, dass es kein Gewitter geworden ist, dass ich mich vermutlich noch nie in meinem Leben so sehr über kalten Regen gefreut habe.“
Annabelle Bröstl
Das Statzerhaus und der innere Wetterfrosch
Da der Kammweg technisch einfach ist und man es dort relativ gut laufen lassen kann, schweift mein Blick immer wieder nach vorne. Dort schiebt sich mittlerweile eine dichte weiße Wand mit dunklen Wolken durch die Landschaft. Der von weitem schon sichtbare Anstieg auf das Statzerhaus ist dann zum Glück kürzer als gedacht.
Am Statzerhaus lege ich noch einmal einen kurzen Stopp ein. Die Helfer versorgen uns bestens, weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass es in etwa zehn Minuten richtig losgehen dürfte. Tatsächlich fallen kurz nach meinem Aufbruch die ersten Tropfen. Anfangs hält sich der Regen noch in Grenzen, doch für die nächste Stunde bewege ich mich bei Starkregen und kräftigem Wind über den Grat. Ich bin schnell komplett durchnässt. Eigentlich Bedingungen, die man sich nicht wünscht – doch ich bin so erleichtert, dass es kein Gewitter geworden ist, dass ich mich vermutlich noch nie so sehr über kalten Regen gefreut habe. Meinen inneren Wetterfrosch schicke ich in den Ruhestand und trabe vergnügt pitschnass über die Trails.



Der nasse Endspurt über die Gipfel
Über Ochsenkopf, Schönwieskopf und schließlich die Schwalbenwand geht es weiter. Bereits im Vorfeld wurde ich gewarnt, dass diese drei Anstiege zwar vergleichsweise kurz, aber keineswegs zu unterschätzen seien. Genau so fühlt es sich auch an. Auch wenn es nur ein paar Höhenmeter sind, muss ich mich immer wieder überwinden. Also drehe ich meine Musik etwas lauter und arbeite mich Schritt für Schritt weiter durch Wind und Regen. Inzwischen sieht man nicht mehr so viel von der Aussicht, aber zumindest einen kurzen Blick auf Zell am See kann ich erhaschen, als die Wolken sich kurz lichten.
Die Trails werden so langsam matschig und rutschig, sodass ich nicht mehr ganz so zügig vorankomme. Aber als wir am letzten Punkt ankommen, ab dem es nur noch bergab geht, hört der Regen auf und das Tal und Maria Alm sind schon klar zu sehen. Der Downhill ist eigentlich nicht technisch, aber ich laufe ihn trotzdem mit Stöcken, da er teilweise ganz schön aufgeweicht ist.
Ein grandioser Empfang in Maria Alm
Bald geht der Singletrail in einen Forstweg über. Als wir die ersten Häuser sehen, hören wir auch schon einen besonders enthusiastischen Helfer, der uns nochmal für den letzten Kilometer motiviert. In Maria Alm ist die Stimmung dann grandios: In jedem Restaurant sitzen auf der Terrasse Läufer, und man wird von allen Seiten ins Ziel bejubelt. Über den roten Teppich laufe ich die letzten Meter bis ins Ziel und bin einfach zufrieden, dass ich ohne größere Krisen den Lauf solide abgespult habe.
Anschließend gestaltet sich die Suche nach der Zielverpflegung überraschend schwierig und ich muss mich erst durchfragen. Das habe ich bei anderen Veranstaltungen schon besser organisiert erlebt. Allerdings erhält jeder Finisher zusätzlich ein Freigetränk und ein riesiges Pastabuffet, sodass man da wirklich nicht meckern kann.
„Obwohl meine Beine die langen Anstiege jetzt noch bei jeder Treppenstufe spüren, würde ich mich immer wieder früh morgens mit kaum Schlaf aus dem Bett quälen, um es genauso nochmal zu machen!“
Annabelle Bröstl
Fazit: Ein Tag voller Kontraste
Summa summarum kann ich die Hochkönig Ultraks jedem empfehlen, der Höhenmeter liebt und sich bereits früh im Sommer einmal so richtig verausgaben möchte. Auch die kürzeren Distanzen wirken äußerst attraktiv, besonders das Skyrace, das über 34 Kilometer und rund 2.700 Höhenmeter durch das Steinerne Meer führt und mit technischen Trails aufwartet. Vom Mini-Ultraks bis zum 48 Kilometer langen Rundkurs ist für jeden etwas dabei.
Für mich war es ein Tag voller Kontraste: Sonnenaufgang am Hochkönig, Panoramawege über die Grasberge, die bange Hoffnung, dem Gewitter zu entgehen, und schließlich Regen und Wind. Und alles davon hat richtig Bock gemacht! Obwohl meine Beine die langen Anstiege jetzt noch bei jeder Treppenstufe spüren, würde ich mich immer wieder früh morgens mit kaum Schlaf aus dem Bett quälen, um es genauso nochmal zu machen!
Quellenangaben und Querverweise:
- Text und Fotos: Annabelle Bröstl
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