Laufen als Lebensgefühl: Warum dieser Trailrunning-Bildband mehr ist als ein Sportbuch
Der Trailrunning-Boom ist längst im Mainstream angekommen, doch wer den Sport wirklich verstehen will, muss abseits der ausgetretenen Pfade suchen. Genau dort setzt die Profi-Läuferin Kim Schreiber mit ihrem im Callwey-Verlag erschienenen Werk „Off Track – Passion Trailrunning“ an. Auf rund 250 Seiten liefert sie ein bemerkenswert vielschichtiges Porträt einer Szene, die sich irgendwo zwischen extremen Grenzerfahrungen und tiefer Achtsamkeit bewegt.
Ein Blick hinter die Kulissen der Szene
Kimi verzichtet erfreulicherweise auf das klassische Höher-Schneller-Weiter. Obwohl die Crème de la Crème der internationalen Trail-Community im Buch versammelt ist, bricht sie den reinen Performance-Gedanken konsequent auf. Das Herzstück des Bandes bilden die Porträts von 14 außergewöhnlichen Athletinnen und Athleten. Da Trailrunning eine vergleichsweise junge Disziplin ohne starre Nachwuchskader ist, trifft man hier fast ausschließlich auf Quereinsteiger mit faszinierenden Lebensläufen.
Die Gespräche besitzen eine erstaunliche Tiefe und sparen auch die Schattenseiten des Profisports nicht aus:
- Ruth Croft erzählt von ihrem Ausbruch aus starren Leistungsstrukturen und ihrem Umweg über Taiwan zurück an die Weltspitze.
- Ida-Sophie Hegemann (Kimis Podcast-Partnerin) spricht offen über die harten Internatsjahre in der Jugend, den Druck der Gewichtskontrolle und das Erlernen von Selbstfürsorge.
- Dakota Jones beleuchtet den inneren Konflikt zwischen globalen Rennreisen und seiner tiefen ökologischen Verantwortung.
Zwischen Kult-Rennen und Sehnsuchtsorten
Für den nötigen Überblick im dichten Seriendschungel sorgt ein extrem gelungener Infoteil. Kim analysiert die großen Rennserien prägnant und scheut sich nicht, die Champions-League des Sports – den UTMB – als „komplizierte Diva“ zu betiteln, die die Community spaltet. Ob die rasanten Golden Trail World Series oder die nahbaren World Trail Majors: Dank einer übersichtlichen Tabelle zu Beginn behalten auch Laien den Durchblick.
Neben den legendären Monumenten des Sports wie dem Hardrock 100 oder Sierre-Zinal widmet sich das Buch aber auch den „Trails zum Träumen“. Hier wechselt die Perspektive vom Wettkampf zur reinen Entdeckung der Welt auf eigenen Füßen – ein wunderbarer Kontrapunkt zur Leistungsgesellschaft, der zeigt, dass Trailrunning auch als Entschleunigung funktioniert.
Hochwertiges Handwerk für den Coffee Table
Visuell und haptisch ist „Off Track“ ein Genuss. Das großformatige Buch besticht durch ein edles Layout, eine feine Goldprägung auf dem Cover und eine Papierqualität, die den spektakulären Landschafts- und Actionaufnahmen den passenden Raum gibt. Ein kleiner Wissens-Roundup am Ende – inklusive Ausrüstungstipps, der Entmystifizierung von ITRA-Scores und sogar einem privaten Früchtebrot-Rezept der Autorin – rundet das Gesamtpaket charmant ab.
Fazit
Kim Schreiber füllt ihr Werk „Off Track – Passion Trailrunning“ mit echter Stimme, Authentizität und ehrlicher Community-Liebe.
Für 45 Euro erhält man keinen simplen Einsteiger-Guide, sondern ein hochwertiges, reflektiertes Gesamtkunstwerk. Es ist eine wunderschöne Liebeserklärung an die Berge und die Gemeinschaft der Trailrunner – perfekt für alle, die das Abenteuer abseits der vorgegebenen Pfade suchen.
Quellenangaben und Querverweise:
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- Fotos & Text: Markus Attenhauser