Manchmal sind Rennen nicht nur körperliche Herausforderungen, sondern vor allem mentale. Mein letzter Wettkampf über 42 km mit rund 1600 Höhenmetern hat mir genau das wieder eindrucksvoll gezeigt.
Von Beginn an war das Tempo hoch. Ich lief vorne mit und spürte schnell, dass das Rennen kein gemütlicher Longrun werden würde. Nach etwa 6 Kilometern kam plötzlich der erste Zweifel auf: Kann ich dieses Tempo wirklich über die gesamte Distanz halten?
Der Gedanke war sofort da: Was, wenn ich später komplett einbreche und es vielleicht gar nicht ins Ziel schaffe? Das wäre doch so peinlich…
Solche Gedanken sind im Ausdauersport nichts Ungewöhnliches.
Unser Körper signalisiert uns frühzeitig, dass er gerade extrem gefordert wird unser Kopf versucht uns davor zu schützen. Statt gegen diese Gedanken anzukämpfen, habe ich versucht, sie anzunehmen. Die Angst war da, das war in Ordnung. Mein Körper spürte dieBelastung, die Beine arbeiteten, der Puls war hoch – es war ein ehrliches Signal der Anstrengung.
In meinem Kopf stellte ich mir dann bildlich vor, wie ich diese Angst zur Seite schiebe. Nicht wegdrücke, sondern einfach Platz schaffe, damit sie nicht die Kontrolle übernimmt. Danach
versuchte ich, meinen Fokus bewusst zu verändern.
Ich konzentrierte mich auf die Musik in meinen Kopfhörern, hörte auf die Texte, ließ den
Rhythmus mit meinem Laufschritt zusammenfinden. Gleichzeitig begann ich, meinen Atem
bewusster wahrzunehmen und zu kontrollieren.
Einige tiefe, kontrollierte Atemzüge halfen mir, trotz der intensiven Belastung wieder etwas Ruhe in meinen Körper zu bringen.
Mit der Zeit veränderte sich das Rennen. Es fühlte sich plötzlich an wie ein Selbstläufer.
Die Beine brannten, das war in Ordnung, es war eine normale Reaktion. Der Schmerz war da, doch er störte mich kaum noch. Das Einzige, was ich im Kopf aufrecht halten musste, war das Tempo. Mein Fokus war zu hundert Prozent beim Laufen.
Kein Zweifel, kein Zögern – nur Bewegung nach vorne.
Diese Erfahrung war kein Zufall. Sie war das Ergebnis vieler Faktoren: hartes Training in den Monaten zuvor, mein Wissen aus der Sportpsychologie, das Visualisieren während intensiverTrainingseinheiten, aber auch Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen und nicht zuletzt eine große Portion Freude am Sport. Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, nicht nur körperlich diszipliniert, ehrgeizig und zielorientiert zu trainieren, sondern auch meine psychische Komponente noch mehr auszubauen.
Es gibt kaum ein besseres Gefühl, als zu merken, dass sich die harte Arbeit auszahlt – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Am Ende durfte ich mit 3:51 Stunden über 42 km und 1600 Höhenmeter den dritten Platz erreichen.
Natürlich freue ich mich über das Ergebnis. Noch wertvoller ist jedoch ein anderes Gefühl:
das Bewusstsein, sich selbst übertroffen zu haben.
Dieses Gefühl war auch für mich – trotz meines Hintergrunds in der Sportpsychologie – eine neue und besondere Erfahrung. Ich bin stolz auf diese Leistung.
Genau das möchte ich auch euch mitgeben: Seid stolz auf eure Leistungen.
Zu oft konzentrieren wir uns im Training ausschließlich auf Kilometer, Höhenmeter oder
Zeiten. Doch die psychische Komponente macht im Wettkampf oft den Unterschied. Hätte
ich es nicht geschafft, meine Zweifel zu akzeptieren und meinen Fokus bewusst zu steuern, wäre dieses Rennen vermutlich ganz anders verlaufen.
Drei mentale Tipps für euren nächsten Wettkampf
1. Gedanken akzeptieren statt bekämpfen
Zweifel und Angst gehören zu intensiven Wettkämpfen dazu. Versucht nicht, sie komplett zu verdrängen – erkennt sie an und richtet euren Fokus danach bewusst wieder auf das Laufen.
2. Nutzt euren Atem als Anker
Ein paar bewusste Atemzüge können helfen, den Körper zu regulieren und den Kopf zu beruhigen – besonders in stressigen Rennphasen.
3. Visualisiert schwierige Situationen im Training
Stellt euch während harter Einheiten vor, wie ihr mit Müdigkeit, Schmerz oder Zweifel umgeht. Das Gehirn lernt dadurch, solche Situationen später im Wettkampf besser zu bewältigen.
Warum Sportpsychologie im Ausdauersport so wertvoll ist
Viele Athleten trainieren ihren Körper sehr strukturiert –der Kopf wird jedoch oft vernachlässigt. Dabei entscheidet gerade in langen Rennen häufig
die mentale Kraft darüber, wie wir mit Schmerz, Zweifel oder Druck umgehen.
Sportpsychologische Strategien wie Visualisierung, Fokussteuerung, Atemtechniken oder
Selbstwirksamkeitstraining können helfen, genau diese Situationen besser zu meistern.
Wenn ihr mehr darüber erfahren möchtet, Tipps für eure Wettkämpfe sucht oder lernen
wollt, euch mental flexibel auf verschiedene Rennsituationen vorzubereiten, meldet euch
gerne bei mir.
Ihr findet mich auf Instagram unter @louri_98.
Wahre sportliche Leistung geht weit über körperliche Stärke hinaus – sie beginnt im Kopf. „You are your only limit.“
Laura Hesse
Quellenangaben und Querverweise:
- Text: Laura Hesse
- Foto: @johannesrapprich