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Der Pirin Ultra Trail ist einer der bekanntesten und  bedeutendsten Läufe Bulgariens. Er findet jährlich im September statt und ging dieses Jahr bereits in die neunte Ausgabe. Als einer von wenigen europäischen Hardrock 100 Qualifiern reiht er sich zudem in eine prestigeträchtige Reihe mit Läufen wie dem UTMB, UTMR oder dem SwissAlps ein. Allein diese Tatsache lässt bereits vermuten, dass es sich um einen besonderen Lauf handeln muss. Weitere Recherchen scheinen das schnell zu bestätigen. Mir ist jedenfalls kein anderer Lauf bekannt, der konstant Finisherquoten deutlich unter 50% aufweist. Irgendetwas muss hier also besonders herausfordernd sein. Abseits der von mir angepeilten 100 Meilen gibt es zudem einen 66 km und 25 km Trail. Dazwischen reiht sich zusätzlich ein 38 km langes Skyrace ein, welches über die Koncheto Ridge führt. Ein stattlicher und ausgesetzter Felsgrat, der in Deutschland wohl niemals Teil einer Rennstrecke werden würde. Sollte ich nochmals nach Bansko kommen, wäre dieser Lauf sicherlich mein Favorit. Aber für dieses Mal sollten es eben die 100 Meilen sein.

 

Vor dem Start

Der Lauf selbst findet in Bulgariens größten und bekanntesten Skiort Bansko statt. Dieser ist eine spannende Mischung aus Altstadt, Hotelbunkern und potentiellen Bauruinen und somit in den Sommermonaten eher im Schlummermodus. Passend zu diesem Eindruck waren wir über weite Strecken die einzigen Gäste im Hotel. Der Ort selbst liegt am Fuße des Pirin Gebirges. Dieses ist in weiten Teilen als Nationalpark ausgewiesen und erreicht eine beachtliche Höhe von über 2900 m. Wirklich begangen sind allerdings nur die Pfade um Bansko, die Vihren Hütte rund um den höchsten Berg und die Bezbog Hütte bis zum Popovo Lake. Sobald man diese leicht erreichbaren Wege einmal verlässt, wird es schnell einsam und wild. Passend dazu sollte man sich bewusst machen, dass es hier frei lebende Braunbären gibt. Mehr als deren Hinterlassenschaften habe ich allerdings nicht zu Gesicht bekommen.

Das Lauferlebnis selbst startet wie üblich einen Tag vorher mit den Check-in. Hervorzuheben ist, dass man seit diesem Jahr eine medizinische Bescheinigung benötigt, die man sich entweder vorher ausstellen lassen muss oder direkt vor Ort im Rahmen einer kleinen Untersuchung erwerben kann. So soll sichergestellt werden, dass man die grundsätzliche Fitness für den Lauf aufweist. Weiterhin muss man hier direkt sein großzügig dimensioniertes Dropbag abgeben. Im Wesentlichen fülle ich es mit Essen, Wechselklamotten, Reservestöcken und zwei Alkoholfreien Bieren. Das Ganze ist sehr gut organisiert und somit flott erledigt. Damit bleibt für den Rest des Tages nur noch Sonne genießen und Beine hochlegen. Das Wetter um diese Jahreszeit ist im übrigen sehr angenehm mit 20-25 Grad und überwiegend sonnig.

Das Rennen

Am darauffolgenden Morgen finde ich mich mit 56 anderen mutigen Laufenden an der Startlinie ein, erhalten noch schnell einen GPS Tracker und vernehme die letzten Worte des Veranstalters. Nachdem üblichen Countdown geht es dann endlich los. Die ersten Kilometer führen noch durch die schlafende Stadt. Anschließend geht es ein gutes Stück durchs Skigebiet hoch, bevor man nach vllt 6 km auf den ersten Trail trifft. Dieser führt Einen stetig aufwärts zur ersten VP nach 10 km. Inzwischen hat auch die Dämmerung eingesetzt und ich nutze die Gelegenheit direkt um die Stirnlampe zu verpacken und die Wasserreserven aufzufüllen. Von hier aus geht es nochmals weitere 1000 hm aufwärts, sodass man am ersten Pass bereits 1700 hm überwunden hat. Auf dem Weg plaudere ich mit ein paar Laufenden und genieße vor allem den beeindruckenden Sonnenaufgang. Spätestens ab der Vihren Hütte wird der Anstieg steil und technisch, ohne bereits den vollen Charakter des Laufes zu enthüllen. Dieser wird aber spätestens am Pass sehr klar, denn ab hier geht es ziemlich weglos bergab und die Wegfindung wird erstmals zu einer echten Herausforderung. Der Track führt uns durch Grasflächen, über kleinere Felsblöcke und durch Latschenlabyrinthe. Hier wird erstmal der einsame und wilde Charakter dieser Berge offenbar. Umso tiefer wir kommen, umso klarer wird die Wegfindung. Bis kurz vor der VP bleibt der Weg dabei ansehnlich schmal, sofern vorhanden. An der VP bei 25 km angekommen, hat man erstmals Zugriff auf sein Dropbag. Ich fülle also schnell die Reserven auf und trinke genüsslich mein isotonisches Hopfengetränk. Ab hier verlasse ich die VP grundsätzlich mit 2 l Flüssigkeit, denn bei insgesamt 8 VP´s sind die Wege dazwischen lang und weit. Zudem ist das Gebirge recht trocken und bietet mitunter keine Möglichkeiten zum Auffüllen der Wasserflaschen. 

Der nächste Abschnitt zur Yavorov Hütte führt erneut über den Hauptkamm des Gebirges und somit auf über 2500 m. Der Weg hinauf ist recht wild und nicht immer eindeutig, sodass ich mich zum erstmal verlaufe und mit ein paar anderen vom Weg abkomme. Nach ein paar Orientierungsschwierigkeiten und einer Passage quer durch den Wald steil bergauf, finden wird aber den Trail wieder. Da große Teile des Weges nicht markiert sind, wird es nicht der letzte Verlaufer gewesen sein. Oben hinaus ist es dann wieder eine weglose und ausgetrocknete Wiese, die bis zum Gipfel hinauf führt. Hinunter geht es dagegen durch ein erstes ernsthaftes Steinfeld, derer noch viele folgen sollten. Der restliche Weg zur schmackhaften Linsensuppe in der VP ist dann ein reiner Genuss und lässt sowas wie Flow aufkommen.

Der folgende Abschnitt ist wohl der einsamste und herausforderndste Part der ganzen Strecke. Es lohnt sich definitiv das Pacing so zu wählen, dass man hier noch im Hellen durchkommt. Anfangs geht es eher wellig und anschließend langsam aufsteigend hinauf. Dabei ist der Weg stets einsam und teilweise fast völlig zugewachsen. Später wird es zunehmend steiler und spätestens nach 46/47 km wird es richtig wild. Vor diesem Abschnitt hatte der Veranstalter im Vorfeld gewarnt und das absolut zu recht. Immer wieder geht es auf und ab, zwischen Latschen hindurch und über vielerlei Felsen hinweg. Ein Weg ist dabei nur sporadisch zu erkennen und die Latschen scheinen gezielte Anschläge auf einen zu verüben. Am ehesten kann man sich an der steil abfallenden Nordkante orientieren, der man nicht zu nah kommen sollte. Hier ist man wahrlich in der Wildnis angekommen und braucht auch schon mal locker eine halbe Stunde pro Kilometer. Die Zeit verschwimmt dabei zunehmend und man passt sich zwangsweise dem Rhythmus der Landschaft an, um gut voran zu kommen. Das finale Ziel ist dabei der Pirin Peak, an dem erstmals wieder Streckenposten bzw. Bergretter warten. Wer dachte jetzt wird’s leichter, sieht sich sogleich getäuscht, denn die folgenden 2 km Abstieg verlaufen durch ein ausgedehntes Steinfeld. Einen Weg gibt es nicht und so springt man schlicht von Stein zu Stein und hofft, dass der nächste Stein wieder fest liegt und Halt bietet. Konzentration und Optimismus sind hier höchstes Gebot, damit nichts schief geht. Der Track ist dabei eher eine Orientierung. Wichtiger ist das Gespür fürs Gelände. Zusätzlich ist der gesamte Abschnitt zumindest sporadisch markiert, um ein Minimum an Sicherheit zu gewährleisten. Der restliche Weg zu VP bei 60 km lässt sich dann wieder zunehmend gut bewältigen. Besonders der teilweise nadelgesäumte Weg im unteren Teil ist eine wahre Freude und lädt zum flowigen Dahingleiten ein.

In der nunmehr vierten VP gibt es eine sehr gute Gemüsesuppe und aufmunterte Worte der freiwilligen Helfer, bevor es auf ein langes Verbindungsstück geht. Es erwarten einen 26 km mit überwiegend seichten Steigungen und einem breiten Weg. Wer gute Beine hat, kann hier richtig Meter machen und viel Zeit rausholen. Mir gelingt es hier einen guten Schnitt zu halten und nebenbei den Sonnenuntergang zu genießen. Spätestens ab dem Einbruch der Nacht, zieht sich dieser Teil dann aber doch sehr, da es zum Laufen ein wenig zu steil ist und das ewig gleichförmige Speedhiken, dann doch irgendwann eintönig und einschläfernd wirkt. So bin ich gut 5 km vor der eigentliche VP über eine spontane eingerichtete kleine Verpflegung ganz happy und plaudere mit dem überaus freundlichen Helfer ein wenig, bevor ich weiterziehe. Eigentlich brauche ich hier nichts, aber schon aus reiner Freundlichkeit nehme ich dann doch zumindest etwas Wasser mit, um den Aufwand für diesen kleinen Lichtblick zu würdigen. Der anschließende Downhill zur VP ist schnell zurückgelegt und ich kann mich erneut an meinem Dropbag für den zweiten Teil des Rennens rüsten. 

Ab hier warten noch 74 km auf mich. Ich stärke mich hier ausgiebig mit Linsensuppe, einem weiteren Bier und einem warmen Tee. Außerdem ziehe ich frische Klamotten an und fülle meine Vorräte auf. Insbesondere frische Socken sind ein wahrer Segen, denn der feine Staub auf der trockenen Strecke zieht in jede Ritze und insbesondere in Socken und Schuhe. Frisch motiviert ziehe ich von hier wieder in die einsame Nacht hinaus und nehme den nächsten langen Anstieg in Angriff. Auf dem Weg nach oben verpasse ich erneut einen Abzweig und bin in der Folge gezwungen quer hinauf durch den Wald zurück zum Trail zu finden. Mit zunehmender Höhe wird es abermals verblockt und ich wähne mich mehr als einmal am Pass, werde aber mindestens 3 mal enttäuscht, bevor ich schließlich wirklich die Passhöhe überwinden kann. 

Der Weg hinab ist in der Nacht dann eher unspektakulär gemessen an der übrigen Strecke. Oben wieder recht steil, im mittleren Teil über offene Wiesen, die ein genaues orientieren am Track erfordern und im unteren Teil über weichen Waldboden geht es stetig und lang hinab. Auf dem Weg kann ich noch 2 Plätze gut machen, ansonsten bin ich hier gänzlich allein unterwegs. Selbst Lampen anderer Läufer nimmt man nicht wahr. Kurz rebelliert hier mein Magen und ich würge meinen guten Riegel von eben wieder raus. Zum Glück bleibt dies nur ein kleines Missgeschick und hat keine nachhaltigen Auswirkungen. Im Tal kommt man dann durch einen sporadisch bewohnten kleinen Ferienort, den man schnell wieder hinter sich lässt. Der kommende Aufstieg zum Kuklite Peak führt zum höchsten Punkt des Rennens. Vorher wartet aber auf halben Wege hinauf die nächste VP und somit die nächste Linsensuppe in einer warmen Hütte. Bis dato hatte ich nicht länger gerastet, aber nach ein paar Minuten im Warmen fallen mir nun doch merklich die Augen zu und ich entschließe mich zu einem kurzen Powernap. 

Mit frischem Schwung gehe ich anschließend den beeindruckenden Anstieg auf über 2700 m an. Anfangs noch in sternenklarer Nacht, empfängt mich der neue Tag mit zunehmender Höhe mit einer beeindruckenden Dämmerung. Die Orientierung zwischen den Latschen und die Ausgesetztheit zum Gipfel hin geben dem Ganzen eine angenehme Würze. Kurz vor Sonnenaufgang stehe ich dann oben und genieße den verdienten Ausblick. Ein ganz besonderer Moment, der viel Kraft und Motivation für die restlichen Kilometer spendet. Wäre es kein Rennen, hätte man hier länger verweilen müssen. So aber kraxle ich langsam und ausgesetzt in den nächsten Sattel hinab. Ab hier wird es wieder laufbarer über weite Wiesen. Im tieferen Teil passiert man dann einige Kuhherden. Glücklicherweise kann man dabei immer ausreichend Abstand einhalten, sodass die Hütehunde keine Veranlassung sehen einem den Weg zu blockieren oder einen als Gefahr wahr zunehmen. 

 

In der vorletzten VP in der Talsohle bei ca. 114 km gibt es diesmal eine hervorragende Kartoffelsuppe zur Stärkung. Anschließend folgen die letzten 20 km in wirklich alpinen Gelände. Anfangs ist der Anstieg dabei eher sanft, aber umso näher man dem nächsten Übergang kommt, umso unwahrscheinlicher scheint es, dass hier noch ein Weg lang führen könnte. Zum Pass hinauf wird es dann so steil, dass ich sogar die Stöcke wegpacken muss, um weiter sinnvoll voran zu kommen. Wer hier seine Energiereserven bereits aufgebraucht hat, kann sicher leicht verzweifeln. Im weiteren Verlauf folgen zwei weitere Übergänge, die ebenso der 66 km Strecke folgen und deshalb markiert sind. Einmal nicht permanent den Track checken zu müssen ist eine echte Erleichterung und entspannt vor allem mental. Leider zieht die 100 Meilenstrecke am Ende nochmals einen gehörigen Bogen über die Bezbog Hütte und damit über einen weiteren ruppigen Pass. Entlohnt wird man dafür mit einsamen Bergseen, die einen immer wieder friedliche Augenblicke gewähren. Nach dem letzten Pass wird man abermals von einem Steinfeld empfangen, durch welches man sich wieder mal hüpfend hinunter windet. Der letzte Streckenabschnitt zur VP zieht sich nochmal leicht ansteigend zur Hütte hin, welche aussichtsreich an einem kleinen See liegt. Gefühlt ist diese VP bereits die Ziellinie, da es von hier nur noch recht einfach nach Bansko zurück geht. 

 

In der VP bei 134 km angekommen, genieße ich eine der besten Hühnersuppen meines Lebens, denn auch wenn dies die innerliche Ziellinie ist, die ich weit vor meiner erwarteten Durchgangszeit erreicht habe, sind es immer noch ein paar Stunden bis zum Zielstrich. Die ersten Kilometer im Anschluss gehen recht steil durch ein Skigebiet hinab. Unten angekommen, folgt die Strecke einem weitgehend breiten Weg in einen durch und durch grünen Wald. Hier kann man nochmals richtig Tempo machen und gut Zeit rausholen. Allerdings läuft man hier auch Gefahr ein wenig den Fokus zu verlieren. Ich für meinen Teil kann hier nochmals etwas Zeit rausholen. Anfangs durch straffes wandern. Etwas später realisiere ich dann, dass noch locker eine Zeit unter 38 Stunden drin ist. Motiviert durch diesen Aspekt finde ich immer mehr in den Laufschritt zurück. Begleitet werde ich über einen längeren Teil durch einen freilaufenden Hund, der vielleicht aufgrund meines wohligen Geruchs angezogen wird. Auf den letzten Metern bin ich dann endgültig im Laufen angekommen und die letzten 2 km durch Bansko fühlen sich richtig flüssig an. Sporadisch wird man dabei von Passanten angefeuert. Die letzten Meter lassen sich in der strahlenden Sonne vollkommen genießen und am Ende bleibt die Uhr nach ca. 164 km und knapp 10.000 hm bei 37:41 h stehen. 

Gern hätte ich hier von großen Kämpfen und epischen Wiederauferstehungen berichtet, aber rein leistungsmäßig war es ein eher unauffälliger Lauf. Es lief eigentlich durchgehend gut bis solide. Große Krisen und unüberwindbar erscheinende Hindernisse sind mir diesmal erspart geblieben. Nichtsdestotrotz bleibt der Lauf ein eindrückliches Erlebnis und ist gerade wegen dieser stoisch abgearbeitet Leistung unter meinen bisherigen Erfahrungen auf ähnlichen Distanzen herausragend. Wie besonders das Finish ist, zeigt mal wieder ein Blick auf die Finisherquote, denn gerade einmal 24 Laufende erreichen schlussendlich das Ziel. 

 

Fazit

Objektiv betrachtet ist die Werbung mit einem der härtesten 100 Meiler Europas sicher gerechtfertigt, da die alpinen Parts teils sehr ruppig, zugewachsen, ausgesetzt und einsam sind. Insbesondere die vielen Steinfelder und das Springen von Block zu Block ist nicht ganz einfach und verlangt stetige Wachsamkeit. Dazu kommt, das 8 VP doch sehr wenig sind für eine solche Distanz. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch zwei lange Abschnitte, die gut laufbar sind. Gerade hier kann man ordentlich Zeit rausholen, wenn man im richtigen Moment die Beine dafür hat. 

Besonders hervorzuheben ist der herzliche Support und die Hingabe mit der das ganze Event und ganz besonders in VP´s gestaltet sind. Hier erlebt man bulgarische Herzlichkeit at its best. 

 

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