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Pitz Alpine Glacier Trail

What a Weekend

Zum 10. Mal starteten Trailrunner aus vielen Ländern beim Pitz Alpine Glacier Trail in Mandarfen. Der PAGT zählt zu einer der härtesten Trailläufe in Österreich. Auf insgesamt 8 Strecken ( P105, P90, P60, P45R, P45G, P30, P15 und P3) waren alle Distanzen vertreten, incl dem höchstgelegenen Marathon, dem Gletschermarathon P45G, welcher über den Pitztaler Gletscher führt. Ebenso werden Höhen von 3000m erreicht.

 

Ich wagte mich heuer auf eine der Langdistanzen, die P90 sollte es werden. Ein gewagtes Vorhaben. Trotz allem, dass ich schon viele Ultratrailläufe absolviert und gefinisht habe, auch im hochalpinen Gelände, hatte ich vor diesem Lauf einen riesen Respekt. Er wird als „knallhart, extrem, brutal, sehr hart und anspruchsvoll“ in der Szene betitelt. Hochalpines Gelände, verblockte Streckenabschnitte, absolute Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sollten definitiv vorhanden sein.

Der Wetterbericht sagte Gewitter für Samstag Nachmittag voraus. Ich hoffte insgeheim, dass es nur bei Regen bleiben wird. Am Freitag Nachmittag bekam ich einen kleinen Vorgeschmack wie ein kurzes Gewitter sein könnte. Das wäre definitiv kein Spaß.

Es ist Freitag nachts, 23.00 Uhr, aktuell kein Regen. Voll motiviert stehe ich im Startblock. Small talk hier und da. Die letzten Glückwünsche an die anderen Starter. Der Countdown läuft, „The final Countdown“ ertönt aus den Boxen. Gestartet wird in Blöcken, um größere Staus auf dem schmalen Pfad zu vermeiden. BANG -es geht los für mich.

Im Schein der Stirnlampe wage ich mich wohl auf mein bisher größtes hochalpines Abenteuer in meiner Trailrunnerlaufbahn. 

 

Es ging raus aus Mandarfen und relativ zügig in den ersten Uphill. Zunächst noch Wald und Wiese, allerdings bereits steil nach oben. Ich habe relativ schnell meinen Rhythmus gefunden. Die Starthöhe von 1700m ist natürlich für mich als Flachlandtiroler eine Herausforderung. Klappte aber besser als erwartet. Schnell fand ich mich in Fels, Geröll und verblockten Steinen wieder. Es erforderte volle Konzentration der Streckenmarkierung zu folgen. Der komplette Fokus galt eigentlich den Füßen. Umknicken wollte ich nicht, und schon gar nicht das Gleichgewicht verlieren auf den wackeligen Felsbrocken stürzen. Ein paar Spitzkehren weiter und es geht nur noch senkrecht hoch. Ab hier startete eine steile Wand aus Felsen, Steinen, Blöcken und rutschigem Untergrund nach oben. Auf allen 4en kletterte ich hoch. Jeder Schritt wird doppelt geprüft, ob der Stein auch wirklich hält. Erstens hätte ein Fehltritt fatalen Folgen für mich gehabt und zweitens wollte ich keinen Steinschlag für die unteren Läufer auslösen. Langsam kletterte ich dem Himmel entgegen. Ich war froh, dass es nicht regnete. Denn dann wäre es definitiv eine äußerst gefährliche Angelegenheit geworden in der Dunkelheit. Ich folgte der Stimme, die von oben kam. Irgendwer hatte hier „mächtig viel Spaß“. Als ich an der Stelle ankam, sah ich einen Streckenposten mitten in den Felsen sitzen. Prima, somit war ich fast oben auf 3070m an der Mittagskogelscharte. Der Downhill war nicht ganz so heftig steil wie der Anstieg.

Es ging weiter Richtung Pitztaler Gletscher. Kurze Rast an der VP. Dort gab es leckeren warmen Tee, Obst und etwas Laugengebäck, dass tat gut.

 

Frisch gestärkt ging es weiter. Am Rande des Gletschers hieß es erst einmal Spikes überziehen. Die Bergwacht kontrollierte dies und ließ keinen ohne auf den Gletscher. Zu recht, denn es war spiegelglatt. Der Weg war in etwa erkennbar, in ca 150m Abschnitten blinkten Lichter an einer Holzkonstruktion zur Orientierung. Ich prüfte die Griffigkeit der Spikes. Hält. Das Wasser rann nur so Talabwärts. Ab und zu kam eine kleine Gletscherspalte zum Vorschein. Nicht tief, allerdings tief genug um Umzuknicken. Im langsamen Laufschritt ging es rüber. Ich empfand die Stimmung als ganz speziell. Man läuft über ewiges Eis, im Dunkeln, unter einem strömt das Gletscherwasser und bahnt sich seinen Weg. Im Schein der Stirnlampe war das Sichtfeld eingeschränkt, den kompletten Gletscher sah man nicht wirklich. Außerdem war der Himmel voller Wolken. Am anderen Ende durfte ich meine Spikes wieder in den Rucksack packen. Schade eigentlich, irgendwie fand ich diese Passage sehr toll und beeindruckend.

 

Es ging weiter Richtung Braunschweiger Hütte und anschließend größtenteils auf dem E5 Wanderweg, stellenweise am Seil steil bergab zurück nach Mandarfen. Mittlerweile regnete es. Kurze Stärkung und weiter geht’s auf Loop 2. Der Anstieg zum Rifflsee war angenehm, es ging durch den Wald, ein schmaler Pfad schlängelte sich nach oben. Mittlerweile ging die Sonne auf. Im Tal war geschlossene Nebeldecke. Ich befand mich sozusagen über den Wolken und genoss das Panorama der kompletten Gletscherwelt. Der Regen hatte auch aufgehört und die Sonne blinzelte teilweise kurz hinter den Gipfeln hervor. An der Sunna Alm nochmals alle Flaschen aufgefüllt und das reichliche Angebot an Essen genossen. Vor allem dem Käse bin ich verfallen. Weiter geht es auf dem Fuldaer Höhenweg Richtung Taschachhaus. Die Strecke zog sich, immer wieder waren sehr verblockte und steile Stellen am Seil zu bewältigen. Im Großen und Ganzen aber nicht allzu technisch. Allerdings kostete es schon einiges an Energie, die mir auf den letzten Uphill Metern plötzlich abhanden kam. Kurze Pause und schnell ein Gel und einen Riegel, dann gings weiter. Der Downhill auf der Moräne Richtung Materialseilbahn war sehr technisch und rutschig. Ich liebte es und lies es laufen. Spitzkehre um Spitzkehre schraubte ich mich nach unten. Die VP war erreicht und ich füllte meine Speicher ordentlich wieder auf. Auf einem breiten Schotterweg konnte ich im lockeren Laufschritt ins Tal. Dort hatte ich die Hälfte der Strecke geschafft.

 

Mittlerweile wieder voll motiviert, mit guten Beinen und starkem Kopf startete ich die 3. Loop. Anfangs lief es auf dem Radweg Talauswärts bis nach Planergroß. Von hier ging es links rauf in den Wald. Ich schlängelte mich wieder Meter um Meter nach oben. Mittlerweile fing der Regen wieder leicht an. Egal dachte ich mir, die Bäume halten eine Menge ab. Der Pfad wurde immer schmaler, der Weg immer holpriger. Die Bäume wurden mit der Zeit auch immer weniger. Man hörte das Peitschen des Wasserfalls der neben mir nach unten schoss.

 

Mein nächstes Zwischenziel war die Kaunergradhütte auf 2817m. Ich genoss trotz des Nebels und dem Nieselregen die Gegend. Viel Grün war ja nicht mehr, aber die Berglandschaft hatte auch ihre Reize. Murmeltiere pfiffen in der Ferne. Man war mittlerweile fast alleine. An der Abzweigung P105/P90 und P60 hatte ich kurz überlegt abzukürzen. Es ist schon noch ein ganz schönes Stück, könnte evtl ne knappe Sache werden mit der Cut off. Aber es ging mir gut, deshalb weiter auf meiner Strecke. Nach ca 1km ging es dann los. Ich geriet ständig in den Unterzucker. Mittlerweile hielt ein Gel keine 10min mehr an. Ich kam mit Nachladen überhaupt nicht mehr hinterher. Gott sei Dank war die Hütte schon in Sicht. Allerdings stand mir noch ein steiler Schlussanstieg bevor. Meter um Meter ging es auf dem letzten Stück nur noch im Schneckentempo weiter für mich. Es half kein Gel mehr, kein Traubenzucker, keine Gums oder Riegel. Meine Augen flimmerten, mir war duselig und ich war klapprig auf den Beinen. Ich hoffte nur noch dass ich zur Hütte komme und dort endlich was anständiges zu essen bekomme.

 

Mittlerweile wurde das Wetter richtig ungemütlich. Der Nebel zog zu und man hatte nur noch Sicht von 30-50m, zudem regnete es jetzt sehr stark. Alles nicht gerade förderlich in meiner Situation. Auch wurden meine Gel-Vorräte etwas knapp. Ich bin am Abwägen WAS ich machen sollte. Der steile Abstieg nach dem Steinbockjoch machte mir auch etwas Bauchweh, zumindest bei dem Regen. Und selbst wenn ich den irgendwie runter komme, wusste ich nicht, ob ich die Cut off dann noch kriege. Ich hatte mittlerweile soviel Zeit verbummelt auf dem Kaunergrad. Fragen über Fragen. Aber jetzt erstmal zur Hütte, die nach unendlicher Zeit tatsächlich erreicht war. Die Stube war warm. Ich durfte mich auf eine Bank mit Decke setzen, der Ofen brannte. Es gab heiße Kartoffelsuppe. Die war soooo lecker. Dazu eine Scheibe Brot und hinterher Schokolade. Fast so gut wie ein Drei-Gänge-Menü. Ich wägte mit der Bergwacht den anstehenden Downhill ab. Diese hatten allerdings im Vorfeld schon entschieden, dass da jetzt keiner mehr runter geht. Die Cutt off in 3h sei bei diesen Bedingungen definitiv nicht mehr zu schaffen. Somit war ich raus. Diese Nachricht musste ich erstmal verdauen. Ich hatte zwar damit gerechnet und auch darüber nachgedacht. Allerdings war meine Motivation die gute Platzierung, die ich bei Finish gemacht hätte rießig. Das war überhaupt die einzige Motivation die mich auf die 3. Loop hat gehen lassen.

 

Und jetzt war der Traum vorbei. Auch kein verkürztes Strecken Finish, was bei der Abzweigung P60 möglich gewesen wäre, war mehr möglich.

Ich saß auf dieser Bank und schaute nur geradeaus. Mein Kopf war leer, Ich war so enttäuscht in diesem Moment, wollte es gar nicht wirklich wahr haben. Im Nachhinein war der Abbruch das einzig Richtige. Das Wetter wurde noch richtig eklig. Also stopfte ich mir noch ein paar Stückchen Schokolade in die Backen und machte mich mit noch 2 Begleitern auf den Rückweg. Den ganzen Kaunergrad durften wir wieder zurück wandern nach Mandarfen. Das ist für den Kopf schon hart.

 

So lief ich mal schneller und mal langsamer den Berg wieder hinunter. Ich konzentrierte mich nur noch auf den Weg und meine Füße. Außenrum blendete ich alles aus, zu sehr war ich in Gedanken. Ich hörte Murmeltiere pfeifen, ich hörte wie ein paar Steinchen neben mir herunterkullerten. Ich blieb kurz stehen und schaute auf. Ich konnte es fast nicht glauben. Ich stand plötzlich wie versteinert da. In 3m Entfernung, im dichten Nebel, stand plötzlich der König der Berge auf einem der Felsen und schaute mich an. Der Steinbock war rießig. Wie majestätisch er dastand raubte mir fast den Atem. Zehn Minuten durfte ich dieses Schauspiel beobachten. Wie er dort über die Steine hüpfte und im Gras nach Nahrung suchte. Irgendwann verschwand er wieder im Nebel. Einen Steinbock in unmittelbarer Nähe hatte ich im Gebirge so auch noch nie gesehen. Und das war für mich fast so schön wie die Finishermedaille im Ziel. Vielleicht sollte dies meine Entschädigung sein. Zumindest war meine Stimmung wieder etwas besser.

Der Abstieg nach Mandarfen zog sich tierisch in die Länge. Am Ende hatte ich trotz allem auch 18h, 65km und 4500 Höhenmeter auf meiner Uhr stehen.

 

Nichts desto trotz war es eine Hammer Erfahrung. Die Strecke war knallhart, aber auch unheimlich schön. Wer beim 1. Mal scheitert, muss sich denk ich nicht verstecken. Ich werde wieder kommen, definitiv. Denn der Lauf hat nicht nur Tradition, sondern auch eine super Stimmung. Die ganzen Starts, durch die Nacht und in den frühen Morgenstunden, die Zieleinläufe. Man merkte nur an der Tageszeit einen Unterschied. Die Live Übertragung Freitag nachts und Samstags mit fast 8h Laufzeit ist der Wahnsinn. Interviews der Läufer, live von der Strecke und komplette Moderation.

Jeder wird gefeiert wie ein Sieger. Denn jeder ist auch ein Sieger. Auch wenn nicht alle Sieger durch das Ziel laufen.

 

Die Streckenmarkierung ist toll gewesen, aufgesprühte Pfeile und Punkte, verschiedenfarbene Schilder, Streckenposten nicht nur an den Schlüsselstellen, sowie Matten zum Live Tracking machten es nicht nur für die Läufer zu einer sicheren Veranstaltung, sondern auch für die Begleitungen bzw Freunde zuhause zu einem tollen Erlebnis, wenn man sozusagen den Läufer auf der Strecke verfolgen kann.

Die VPs waren gut bestückt, wobei ich persönlich gerne mal ne Nudelsuppe gegessen hätte. Bei heißem Wetter könnte die ein oder andere zusätzliche Wasserstelle evtl von Nöten sein.

Man hatte definitiv das Gefühl gut versorgt zu sein. Auch im Notfall. So oft wurden die Startnummern registriert, dass im Notfall sicher nachvollzogen werden kann, wo die letzte Sichtung gewesen wäre. Macht weiter so, und wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Da hoffentlich auch im Ziel.