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In 110 Kilometern einmal um den Großglockner

 

Es ist 21.55 Uhr am Freitagabend (29.07.22) in Kaprun. Rund 300 Sportler begeben sich im Stadtzentrum hinter das Startband. Der Moderator spricht von „Verrückten aus aller Welt“. Fünf Minuten später, um 22 Uhr fällt dann der Startschuss für den Großglockner-Ultra-Trail.

 

Ich bin auch dabei, mit gesamt drei Ultraläufen im Lebenslauf und dem Trainingshintergrund eines Triathleten. Aber ich habe viel Motivation im Gepäck und Lust darauf, endlich die Distanz über 100 Kilometer anzugreifen. Der Großglockner-Trail motiviert mich deshalb, weil ich schon oft in der Region zum Bergsteigen unterwegs als auch oben am höchsten Berg Österreichs war.

 

Die Strecke des Wettkampfs beträgt 110 Kilometer, wobei 6.500 Höhenmeter im Anstieg als auch Abstieg zu absolvieren sind. Das maximale Zeitlimit beträgt für die sehr anspruchsvolle Runde exakt 30 Stunden. Der zurückzulegende Weg orientiert sich stark an der „Glocknerrunde“, eine Mehrtagestour welche eigentlich mit sieben Tagen angeben ist. Im Wettkampf wird der Weg Non-Stop als sogenannter „Ultra-Trailmarathon“ zurückgelegt.

 

Nach dem Startschuss machen sich die Läufer ausgerüstet mit Stirnlampe und Rucksack auf in Richtung des Stausees Mooserboden. Der Regen und Nebel macht das sowieso technisch anspruchsvolle Laufen weiter schwer. Die Wanderwege gleichen immer mehr einem Fluss, die Schuhe und Socken sind bereits bei Kilometer 20 komplett durchnässt. Des Weiteren mussten reisende Bäche durchquert werden, bei welchen das eiskalte Wasser bis zur Hüfte reichte. Um nun weiter in Richtung zum Berghotel „Rudolfshütte“ zu gelangen, ist die Überschreitung des Kapruner Törls notwendig. Hier befinden sich die Athleten im hochalpinen Gelände, der Wanderweg wird gegen einen Steig durch ein von Felsen durchsetztes Gelände getauscht. Die einzige Orientierung bieten die vom Veranstalter gesetzten Markierungen, welche durch das Anstrahlen mit der Stirnlampe erst sichtbar werden. Im Nebel waren ca. 5 Meter Sicht gegeben, die einzige Orientierung, dass der Aufstieg nun vorbei ist, war das Leuten einer Kuhglocke, welcher ein Bergwachtler mit in die Scharte gebracht hat. Nach dem Durchschreiten der Scharte ging es hinab in Richtung Tauernmoos und zur ersten Verpflegungsstelle auf der Rudolfshütte. Hier wurde aufgrund der extremen Wetterbedingungen strikt durch den Rennarzt aussortiert wer weiterlaufen darf bzw. hierbleiben muss. Die Unterkühlung durch Regen und Wind war teilweise so extrem, dass Handschuhe nicht mehr ausgezogen oder Reisverschlüsse nicht mehr geöffnet werden konnten. Weiter durch die Nacht ging es über den Gebirgspass des „Kalser Törl“ und einem langen Abstieg in Richtung Kals. Ich erreiche Kals um 6 Uhr morgens, nach exakt 8 Stunden Renndauer und einer zurückgelegten Distanz von 50 Kilometern. Hier nehme ich den Drop-Bag in Empfang, die freiwilligen Helfer sind super motiviert und die Verpflegung tut mehr als gut. Ich wechsle endlich meine Socken mit der Hoffnung, dass diese etwas länger trocken bleiben. Es bleibt aber bei der Hoffnung, im nächsten Bach ist wieder alles beim alten.

 

Insgesamt stehen für uns GGUT110-Teilnehmer acht Verpflegungsstellen zur Verfügung. Davon bieten zwei Wasser und Iso, vier Getränke sowie Essen und zwei weitere Größere VPs mit Getränken, Gels + Riegel sowie heißer Nahrung. Ich empfinde die Abstände als sehr angenehm, so dass mit aufgefüllten Flaschen die Distanz dazwischen gut zurückgelegt werden kann. Außerdem begrüße ich sehr, dass neben den bekannten Nahrungsmitteln (Schoki, Obst & Gemüse, Brot,  ..) auch Gels und Riegel bereitstehen. Das ist genau nach meinem Geschmack.

 

Nach einer kurzen Stärkung in Kals begann der zweite, technisch anspruchsvollere Abschnitt des Rennens. Insgesamt drei weitere Anstieg waren zu bewältigen. Zuerst führte die Route zum Lucknerhaus und weiter zur Verpflegungsstelle der Glorer Hütte, hier gab es die heiß ersehnte Suppe, die jeden durchgefrorenen Athleten von innen heraus aufwärmte. Auf dem weiteren Weg in Richtung der Großglockner-Straße ergab sich das lang hergesehnte Panorama auf den höchsten Berg Österreichs, bevor es nach dem Glocknerhaus auf die Pfandlscharte ging. Der Aufstieg zum höchsten Punkt der Route (2.663m) erfolgte über ein Geröllfeld und verlangte den bereits deutlich-gezeichneten Athleten nochmals alles ab. Mit dem Blick auf das Höhenprofil müssten jetzt die am einfachsten zu laufenden Meter kommen, doch nach 80 Kilometern in den Beinen sieht das ganz anders aus. Eine Mischung aus Laufen, Walking und Gehen war dann das Mittel zum Zweck, um die Strecke nach Fusch zurückzulegen. Hier rufen mir die lachenden Bauern folgendes zu, während ich knietief durch die „Kuhscheiße“ schreite „Wir sind ja schon alle spezielle hier, aber ihr toppt echt alles, selbst wir Bergmenschen würden uns das nicht antun.“. Eine wohltuende Motivation, endlich wieder Menschen zu sehen und dann gleich mit genügend Galgenhumor. Die letzte Labestation ist in Sicht, ich bekomme die Info, dass das Wetter noch drei Stunden hält. Fünf Minuten später bin ich dann doch wieder komplett nass. Der letzte Anstieg fordert nochmal alles, es geht knappe 800 Höhenmeter hinauf und durch einen steilen sowie matschigen Trail nach unten zurück ins Zentrum. Mehr als Humpeln geht auch beim Zieleinlauf nicht mehr. Nach 23.28 Stunden und auf Platz 36 stolpere ich ins Ziel, ehrlich gesagt den Tränen ziemlich nahe. Das war mit Abstand das härteste Rennen, vor allem mental sich permanent dem „Aufgeben“ entgegenzusetzen. Dass das nicht allen Athleten gelungen ist, zeigt der Blick auf die Ergebnisse, nur 95 der 277 gemeldeten Teilnehmer erreichten das Ziel. Eine Abbrecherquote (versch. Gründe) von 66% spricht für sich und die Härte des Rennens.

 

Mein persönliches Fazit: Ich hätte niemals gedacht, dass ich dieses Rennen ins Ziel bringe. Auf der Strecke habe ich mir mindestens 100-mal gedacht, ich höre auf – jedoch gab es nicht wirklich einen Grund aufzuhören. Die Strecke hat einen ausgewogenen Teil von laufbaren Abschnitten gemischt mit technischen Herausforderungen im Auf- als auch Abstieg. Die Strecke war wirklich gut und sichtbar gesteckt sowie markiert, verlaufen habe ich mich dabei nie.

 

Tim Freitag

Bericht und Foto:

Tim Freitag