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Le Grand Trail des Lacs & Châteaux - Eine Geschichte vom erfolgreichen Scheitern

Der GTLC ist wohl einer der größten Trailläufe im nahen Belgien und hat mit dem GT160 nach eigenen Angaben den einzigen ITRA-zertifizierten 6 Punktelauf des Landes im Programm. Abgesehen von diesem knapp 164 km langen und mit 6800 Höhenmetern gespickten Monster, wird mit dem GT85, GT42, GT202, GT16 und den Kinderläufen GT1/2 für jeden eine passende Herausforderungen angeboten.

 

Le Grand Trail des Lacs & Châteaux

Das Veranstaltungsgelände befindet sich in an einer kleinen Skipiste in Ovifat und ist aussichtsreich gelegen. Für mich sollte es innerhalb kurzer Zeit der zweite Lauf in den wundervollen Ardennen werden. Vor ein paar Wochen war ich hier in der Gegend bereits beim Trail des Idylles unterwegs und war nun entsprechend gespannt, ob mich wieder eine derart wilde Streckenführung erwarten würde.

 

Aber nochmal einen Schritt zurück. Auch wenn dieser Lauf noch lange nicht den Höhepunkt des Jahres darstellen sollte, so hatte ich mich doch gewissenhaft darauf vorbereitet und war grundsätzlich auf dem richtigen Weg zu einer guten Form. Leider holte mich aber gut drei Wochen vor dem Lauf ein kleines Missgeschick in Form einer fiesen Wurzel ein, an der ich mir ordentlich das Sprunggelenk vertrat. Glücklicherweise war es keine ernsthafte Verletzung, sodass ich nach kurzer Pause dosiert weiter trainieren konnte. Dennoch baute ich etwas mehr Radfahren zu Lasten des Laufens ins Training ein, um den Fuß etwas zu schonen. Prinzipiell ging die Strategie auch auf, allerdings war der Fuß bis kurz vor dem Lauf noch nicht wieder bei 100%, so dass ich mit einer gewissen Portion Ungewissheit an die Startlinie gehen musste. Der Plan war schlicht auf den Körper zu hören und wenn es nicht mehr geht, rechtzeitig auszusteigen. Soweit zur Theorie.

 

Die Startnummernausgabe erfolgte Freitagabend ab 18 Uhr, was für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen spät ist. Abgesehen von einer kleinen sprachlichen Barriere ging es jedoch überraschend schnell und reibungslos. Der Startschuss folgte dann am nächsten Morgen um 4 Uhr in der Früh. Kurz vorher gab es die obligatorische Einweisung von der ich so gut wie kein Wort verstand. Irgendwann sollte ich vielleicht doch nochmal meine Sprachkenntnisse aufbessern. Glücklicherweise kann ich zumindest ein wenig zählen auf Französisch. Sehr hilfreich um den Einsatz nicht zu verpassen und so ging es dann pünktlich erstmal die Skipiste hinab. Wer nun hoffte trockenen Fußes in den Lauf starten zu können, wurde prompt enttäuscht, denn die ungemähte Skipiste war sehr feucht und gerade lang genug, um die Socken ein erstes Mal anzufeuchten. Am Ende der Piste galt es den Abzweig in den erste Trail nicht zu verpassen und im dunklen Märchenwald zu verschwinden. Das Feld hatte sich direkt gut auseinander gezogen, was bei gut 150 Startern sicherlich nicht allzu schwer ist, sodass ich von Anfang an einen angenehmen Rhythmus ohne ständiges Überholen laufen konnte. Die ersten Kilometer waren ein angenehmes Auf und Ab und sollten uns alsbald zum Château Reinhardstein führen, aber vorher wartete noch eine üble Überraschung. Eine kleines unscheinbares Segment mit dem netten Stravanamen „Death Wall“ stellte sich uns vorher noch in den Weg. In Zahlen sind das 84 hm auf 210 m. Guter Einstieg in 100 Meilen.

 

Nachdem wir das Chateau passiert hatten, kamen wir an der Talsperre Robertville vorbei, die friedlich im Morgengrauen dalag. In der Folge ging es in einem weiten Bogen um den dazugehörigen Stausee Lac de Robertville. Hierbei beliefen wir so einige verwunschene Trails, während das Licht des Tages immer weiter Einzug hielt. Zwischendrin querten wir diverse Holzstege, die inzwischen deutlich vom Zahn der Zeit gezeichnet waren und in Deutschland sicherlich eine alternative Streckenführung erfordert hätten. Insgesamt fügten sich solche Passagen aber sehr schön in das Gesamtkonzept des Laufes ein und waren eine echte Bereicherung. Schließlich kam ich nach gut 20 km am ersten VP an und stellte fest, dass das Sprunggelenk zwar durchaus zu spüren war und mein Tritt bis dato sicherlich etwas unrund war, es aber bis jetzt keinen hinreichenden Grund zum Aussteigen gab. Also flott Tailwind aufgefüllt und weiter ging die wilde Reise mit einem letzten Blick auf das Château Reinhardstein und weiter zu Nez Napoleon, einem markanten Felsvorsprung oberhalb des Warchetals.

 

Diesen Abschnitt kannte ich bereits vom TDI und war sehr gespannt, ob die Streckenführung diesmal etwas einfacher sein würde. Insgesamt kreuzten wir das Tal zweimal, was einen ordentlichen Zuwachs an Höhenmetern brachte, da es sowohl Auf als auch Ab immer ordentlich steil zur Sache ging. Dabei blieben natürlich auch die Füße nicht trocken, was zwar ein Segen für das Sprunggelenk war, aber schnell zu ersten Blasen führte. Außerdem kamen wir wieder an meiner geliebten Pipeline vorbei, unter der es diesmal aber zum Glück nicht drunter durch ging. Dafür mussten wir uns etwas später durch ein dichtes blühendes Gestrüpp schlagen. Vielleicht sollte man das nächste mal einfach eine Machete zur Pflichtausrüstung machen, da dies nicht die letzte zugewachsene Stelle bleiben sollte. Zumindest hatte mein Sprunggelenk zu diesem Zeitpunkt endgültig Ruhe gegeben, sodass ich frohen Mutes Richtung Malmedy lief. Kurz bevor wir im Ort waren, machte die Strecke allerdings nochmal einen Schwenker nach oben über einen treppenreichen Weg, an dessen Ende ein markantes Kreuz thronte. Anschließend war die nächste VP aber schnell erreicht. Ich füllte schnell alles Notwendige auf und war nach kurzer Zeit wieder auf der Strecke.

 

Aus Malmedy heraus ging es sanft ansteigend auf ein aussichtsreiches Plateau, von dem aus man den Motorenlärm der nahen Rennstrecke Spa-Francorchamps deutlich vernehmen konnte. Einen ebenso sanften Downhill folgend gelangte ich wieder in das nun weitläufige Tal der Warche. Durch das Tal laufend kam ich an einem weithin bekannten Kletterfelsen vorbei, bevor ich nach einiger Zeit erneut einen stattlichen Anstieg vor mir hatte. So langsam hatte sich das Feld immer weiter auseinander gezogen, sodass man inzwischen viel allein unterwegs war und so war ich überrascht an der nächsten Wasserstelle doch wieder ein paar Läufer zu treffen. Diese versteckte sich geschickt hinter der Ecke einer Scheune und wäre ohne die hier wartenden Mitläufer leicht zu übersehen gewesen. Da die Sonne inzwischen fast im Zenit stand, wäre dies sicherlich eine mittlere Katastrophe gewesen. Gut versorgt, konnten die folgenden Kilometer nun kommen. Auf diesem Abschnitt bleibt besonders ein kleiner und steil bergab führender Trail an einem minimalen Wasserlauf in Erinnerung. Ein äußerst anspruchsvolles Stück mit einigen Absätzen und Steinblöcken. Kurz darauf zweigte dann die Strecke des GT85 ab.

 

An der dritten VP bei 63,5 km nahm ich mir dann erstmals ein wenig mehr Zeit und gönnte mit eine schöne warme Bouillon. Immer wieder eine wahre Wohltat, wenn man die ganze Zeit nur Süßes zu sich nimmt. Der folgende Anstieg zählte dann wieder zu den ruppigeren seiner Art und zog so langsam die letzte Frische aus den Knochen. In der Folge merkte ich langsam, dass die anfänglichen Probleme zwar nicht mehr bestanden, aber durch den verschobenen Laufstil ungewohnte Probleme auf einer solchen Distanz nach sich ziehen. So musste ich erstmals in einem steilen Abstieg anhalten, weil auf dem Fußspann plötzlich Schmerzen auftraten, was sich in der Folge aber vorerst wieder legte. Auf diese Weise ging es zwar eher langsam, aber stetig voran. Bergauf straffes Gehen unter Einsatz der Stöcke und bergab und in der Ebene zunehmend unästhetischeres Laufen. Dabei war die Streckenführung in diesem Teil besonders von breiten Forstwegen gekennzeichnet. Dennoch streuten sich immer wieder kurze Trailpassagen ein und auch ein bisschen Dschungel war gefühlt dabei. Kurz vor der nächsten VP ging es nochmals einen richtig genialen Trail runter, den ich gern nochmal mit frischen Beinen herunter fliegen würde. So war es dann doch eher was fürs Auge und weniger für die Beine.

 

Auch an dieser VP bei nun knapp 90 km nahm ich mir ein bisschen Zeit, um alles wieder aufzufüllen und mich einmal durch zu dehnen. Außerdem wechselte ich vom Tecton X in den Evo Speedgoat, da im weiteren Verlauf Komfort sicherlich wichtiger werden würde als Dynamik. Dynamik war mit meinen Knochen beim besten Willen nicht mehr zu entfalten. Dennoch war ich gefühlt solide unterwegs und hatte bis auf die übliche Ermüdung und ein paar kleinere Hotspots keine ernsthaften Probleme. Die Pace war halbwegs konstant und sollte es in der Folge auch erstmal bleiben. Einzig das linke Knie zwang mich in sehr steilen aber zum Glück seltenen Passagen immer mal zum kurzen Innehalten. So ging es munter weiter auf und ab. Dabei kam ich auch durch das Örtchen Vielsalm mit seinem idyllisch anmutenden See. Ein weiteres kulturelles Highlight war Farnières. Das hier gelegene mittelalterlich anmutende Prachthotel ist äußerst reizvoll gelegen und sicherlich eine gehobene Adresse für jegliche Feierlichkeiten. Jedoch war ich nach nunmehr 14 Stunden nicht mehr sonderlich gesellschaftsfähig.

 

Im Weiteren zeigte sich deutlich wozu ein guter GPX-Track gut ist, denn die Strecke führte in einem unerwarteten Rechtsschenk mitten in den Wald hinein. Bei genauem Hinschauen konnte man zwar in einiger Entfernung die Markierungen erkennen, aber ohne GPX-Track hätte ich nicht einmal gewusst wo ich suchen sollte. Bis auf drei solcher Stellen war die Markierung allerdings vollkommen ausreichen, wenn auch nicht übermäßig dicht. Aber an solchen Stellen braucht es zwingend die jodelnde Uhr am Handgelenk, die einen auf die Strecke zurückholt, besonders zu diesem späten Zeitpunkt im Rennen.

 

Die nächste VP bei 109 km kam nun langsam näher. Kurz vorher traf ich erstmals an diesem Tag Verena, die mich die letzten Meter zur VP begleitete. Es hilft immer an der Strecke ein vertrautes und aufbauendes Gesicht zu sehen und ein wenig Hilfe an der VP ist gerade in der zweiten Hälfte des Rennens sehr willkommen. Grundsätzlich sind bei diesem Lauf alle VPs anfahrbar. Allerdings kommen dann auch ordentlich km zusammen und man sitzt doch sehr viel im Auto. Obendrein hat man durch die wenigen VPs einiges an Leerlauf, sodass ein durchgehendes Begleiten nur bedingt Sinn macht.

 

Aus der für mich letzten VP kam ich noch ganz gut raus und war grundsätzlich immer noch frohen Mutes. Gedanken an ein mögliches DNF lag noch fern. Allerdings wurde die Anstiege und somit auch die Abstiege im nächsten Abschnitt wieder deutlich länger. Hier traf ich auch ein letztes mal auf einen belgischen Läufer mit dem ich immer wieder mal ein Stück des Weges geteilt habe und mit dem ich mich gut auf Englisch unterhalten konnte. Leider hatte er sich komplett den Magen zerschossen und eröffnete mir bei nächster Gelegenheit auszusteigen. Ich versuchte ihn noch zum Weitermachen zu ermuntern, musste aber schnell erkennen, dass sein Entschluss fest stand. So zog ich entschloss allein Richtung Ziel weiter. So langsam neigte ich der Tag dem Ende entgegen und die Sonne verschwand langsam und sehenswert hinter dem Horizont.

 

Mit dem Einzug der Nacht kippt dann so langsam meine Form und ich kam immer schwerfälliger voran. Besonders die längeren Abstiege machten mir zunehmend zu schaffen und ich musste immer mal wieder anhalten weil das linke Knie dicht machte. Zusätzlich fehlte zunehmend die Energie die Berge vernünftig rauf zu kommen. So kam es das ich auf den letzten 5-7 km zur nächsten VP immer wieder anhalten musste. Dabei versuchte ich mit kurzen Pausen und Dehnen die Beine immer wieder gangbar zu machen. Dabei ging des die ganze Zeit in Schlangenlinien um den Lac de Coo herum, sodass man das Gefühl hatte im Kreis zu laufen. Das Ganze wurde langsam wirklich zermürbend und das ursprüngliche Ziel von einem Finish um die 24 Stunden rückte erschreckend schnell in weite Ferne. So stellte ich langsam, insbesondere mit Blick auf das weitere Laufjahr, die Frage durchziehen oder den körperlichen Beschwerden diesmal lieber nachgeben und möglichst nichts nichts riskieren? Durchziehen wäre sicherlich möglich, aber würde sich das ggf. durch eine längere Laufpause rächen? Etwas, was im Moment zur Unzeit käme. Außerdem war ich ja schon angeschlagen in das Rennen gegangen und so kam ich zu dem Schluss, dass möglicherweise unter diesen Vorzeichen das für heute vernünftige Maximum erreicht sei. Und so stieg ich ohne größeres Zögern bei der nächsten VP konsequenterweise aus und beendete das Rennen für mich nach gut 128 km.

 

Am Ende bin ich mit der Entscheidung zufrieden, auch wenn man immer mal wieder denkt, dass man ja auch hätte durchziehen können und jetzt eben ein Finish mehr hätte. Aber auf der anderen Seite sind die kommenden Ziele so fordernd, dass man sicher auch mal Prioritäten setzen muss. Und nachdem ich ja nun schon ein paar Läufe hinter mir habe, muss ich nichts mehr auf biegen und brechen durchziehen. Besonders wenn man sich am Start nicht mal sicher ist, ob man überhaupt bis zur ersten VP kommt. Insofern ein durchaus erfolgreiches Scheitern, auch wenn man bei den kommenden Hauptzielen sicher aufpassen muss, dass eine Entscheidung zum DNF nicht zu schnell und widerspruchsfrei fällt. 


Autor: Paul Ruick

Unser rasender Reporter Paul Ruick
Unser rasender Reporter Paul Ruick

Unser rasender Reporter und leidenschaftlicher Hoka-Läufer Paul ist seit 2015 auf den Trails in Deutschland und dem europäischen Kontinent unterwegs. Neben kurzen, knackigen Trailevents liebt er ebenso die langen Kanten, wo er schon verrückte Rennen wie den Swiss Peak170, den Madeira Island Ultra 115km oder den KoBoLT 140km erfolgreich gefinisht hat.

 

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