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Mad Chicken Run 2020

24h solo auf der Cross-Strecke

Rennbericht: Simone Gerstmayer

Freitag Abend 02 Oktober 2020, 20.00 Uhr. Ich kam endlich in Hänchen ohne h an. Dies ist ein kleiner Ortsteil der Gemeinde Kolkwitz in der Niederlausitz in Brandenburg. Hier werde ich mein Wochenende verbringen. Allerdings nicht um zu wandern oder Urlaub zu machen. Nein. Ich werde beim 1. Mad Chicken Run am Start sein.

Man konnte zwischen unterschiedlichen Streckenlänge auswählen - 10km, 22km, 42km, 6h, 24h im 5er Team oder 24h solo. Ebenfalls konnte man sich die Streckenvariante aussuchen. Die 2km-Runden entweder auf flachem Rad- und Waldweg oder die Trailversion auf der Motocrossbahn. Für mich als Trailläuferin kam definitiv nur die Motocrossbahn in Frage. Asphalt war keine Option. Eine Frage, die ich mir immer noch stellte, und die ich im Vorfeld immer gestellt bekommen habe, WARUM?

Warum bin ich überhaupt in Hänchen gelandet? Diese Frage stellte ich mir selbst sehr oft. Es gibt dafür auch nur eine konkrete und total skurrile Antwort. Ich fand dieses Hühnermotiv auf dem Promoshirt einfach so mega genial. Das machte mich neugierig und nach kurzem Überlegen meldete ich mich an. Da meine Welt die Ultratrailläufe sind und ich noch nie einen 24h Lauf gemacht habe, war die Streckenauswahl auch geklärt. 24h im Alleingang. Schließlich wächst man nur an seinen Herausforderungen. Ich war sehr gespannt was passiert.

Vortrag von Andre Dreilich - Foto: Simone Gerstmeyer
Vortrag von Andre Dreilich - Foto: Simone Gerstmeyer

Bei Ankunft am Sportheim des MSC Hänchen zum Startunterlagen abholen, wurde ich von Peter herzlichst empfangen und gleich in den Gastraum geschoben, wo kurz darauf der Vortrag von Andre Dreilich startete. Mein Weg zum Spartathlon (historischer Ultralauf von Athen nach Sparta, der in max. 36 Stunden zurückgelegt werden muss). „Klasse“ dachte ich mir,  „da kannst du dir direkt die nächsten Anregungen holen“. Inmitten einer Schar Läufer saß ich da und wir lauschten alle Andres Worten, welche mit Fotos sehr anschaulich und interessant begleitet wurden. Nach dem Vortrag ging es geradewegs ins Bett. Schließlich waren dies vorerst die letzten Stunden Schlaf.

Am nächsten Morgen war es soweit. Wechselklamotten, persönliche Verpflegung, Decke und Stirnlampe in die Tasche gepackt und im Pavillion in Startnähe verstaut. Ein sehr komisches Gefühl für mich war, dass ich für 24h nonstop am Start stehe und keinen Rucksack dabei habe. Ich fühlte mich irgendwie unangezogen. Kurz vor 10 Uhr, der Startschuss für die 6h und 24h Läufer nahte und die verschiedenen Streckentypen sollten sich positionieren. Am Start war auch die Verpflegungsstation, welche für beide Strecken zur Verfügung stand. Rechte Seite für die Asphalter und linke Seite für die Crosser. Die beiden Strecken kreuzten sich nicht. Ich stand im Crossfeld, welches sehr übersichtlich war im Vergleich zu der flachen Strecke. Einige Läufer haben sich erst vor Ort, nach dem Besichtigen der Strecken, für ihre Strecke entschieden. Da wechselten doch noch einige auf die Asphaltstrecke.

Der Frauenanteil auf der Crossstrecke war sehr übersichtlich. Dann kam der Startschuss und los ging es. Ich habe mir vorgenommen, die ersten Runden erst einmal die Strecke kennenlernen zu wollen. Das ganze langsam anzugehen, und irgendwann meinen Rhythmus finden zu können. Keine 100m nach dem Start ging es schon recht knackig den Berg hoch. Eigentlich war dies auch der längste von allen. Der Puls ging erstmal kräftig nach oben. Puhh... Danach ging es es leicht bergab und es folgten 3-4 flachere Rampen. Danach kam eine der krassen Sprungrampen, Gefälle 30% nach unten. Extra gekennzeichnet mit einem gelben Achtung-Schild und tatsächlich sehr mit Vorsicht zu genießen. Gefühlt senkrecht geht es nach unten. Da war höchste Konzentration gefragt. Denn nicht nur, dass es sehr steil nach unten ging, der Untergrund war auch alles andere als einfach. Viel Sand, viel Dreck, dazwischen Lehm und das ganze abgerundet mit Mulden und Spurrinnen. Umgeknickt war man da gleich. Das ging gehörig auf die Oberschenkel, die versuchten das Tempo einigermaßen im Zaum zu halten. Ich testete die Version senkrecht nach unten und war sehr zufrieden, dass die Schuhe Halt fanden. Allerdings war mir bei der ersten Runde schon klar, dass diese Rampe in einigen Stunden zum Problem werden könnte.

Viel Zeit zum Verschnaufen blieb allerdings nicht, denn es ging sofort auf der anderen Seite wieder steil nach oben. Rampe Nr. 10 war auch wieder eine Achtung- Rampe. Diese war zwar nicht ganz so steil und lange wie die vorher, allerdings in meine Augen viel gefährlicher, da sie eine Kurve machte und der Boden absolut sehr uneben und voller Rillen war. Der Gegenanstieg verläuft über die Asphaltstrecke, die unter uns durch einen Tunnel führte. Die Hälfte des Rundkurses war geschafft. Die zweite Hälfte war vom Charakter her ganz anders als die erste Schlaufe. Die Rampen waren kürzer, dennoch war dies nicht einfacher, weil es mega sandig war. Eigentlich war die eigentliche Challenge, seine persönlich perfekte Linie durch den Sand und Dreck zu finden, ohne umzuknicken oder zu stolpern. Rauf, runter, rechts rum, links rum, irgendwann kam dann der große Hügel und zack war man wieder am Verpflegungsstand. Die 20 Rampen mit ihren knapp 60 Höhenmetern waren geschafft.

Verpflegungsstelle - Foto: Simone Gerstmeyer
Verpflegungsstelle - Foto: Simone Gerstmeyer

Am Verpflegungspunkt wurde man von vielen fleißigen Helferchen mit Essen und Getränken versorgt. Ebenso erfolgt dort die Rundendokumentation. Per Hand!!! Was für eine Leistung, jeden einzelnen Läufer zu dokumentieren. Tja und so war meine Streckenbesichtigung auch schon beendet. Ab jetzt hieß es durchziehen. Die 24h solo Starter konnte man von weitem schon erkennen, das Tempo war gemächlich und es wurde gerade am Anfang viel Tempo raus genommen. Mit zunehmender Rundenzahl bekam ich ein Gefühl für die Strecke. Ich wusste, wo ich rennen konnte und wo man besser gehen sollte. Immer mal wieder kam von hinten jemand angeflitzt und überholte mich. Ich erinnere mich an jemanden in einem grünen T Shirt, der mich gefühlt bei jeder Runde im Speedtempo überholte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es der Sieger der 10km Strecke war. Top Leistung. So nach 5h ging es dann los. Der Magen machte ein wenig Probleme, auch hatte ich anfangs einige Probleme mit dem Trinken nur an der VP. Gott sei Dank legte sich das Problem recht schnell wieder und ich konnte weiter meine Runden ziehen. Hier mal ein paar Worte geschnattert und da mal bisschen geredet, da verging die Zeit wie im Fluge. Mit zunehmender Laufzeit wurden die beiden steilen Rampen eine Herausforderung.

Volle Konzentration jedesmal. Die Beine werden langsam schwerer, je öfter ich diese runter musste. Aber es ging immer weiter. Und ich bereitete mich mental schon auf die bevorstehende Nacht vor. Mit Einbruch der Dämmerung wird die Stirnlampe schon mal gezückt und ein langes Shirt angezogen. Dunkel wurde es dann rasend schnell. Und plötzlich sah die Strecke ganz anders aus. Stundenlang hat man versucht die perfekte Linie zu finden, um im Dunkeln einigermaßen gut durch zu kommen. Das machte sich wirklich bezahlt. Auch, wenn ich manchmal das Gefühl hatte, ich schwanke nur noch so dahin.

 

An der VP gabs mittlerweile auch warme Speisen. Gekochte Kartoffeln, Kartoffelbrei und eine super leckere Kürbissuppe, mit Kürbissen aus Peters Garten. Auch Kaffee und heißen Tee konnte man bekommen. Ebenso eine Kuchenauswahl wie bei einer Großbäckerei. Mein eigentlicher Plan, nur jede 2. oder 3. Runde am VP anzuhalten, klappte nicht sehr lange. Trinken war bei jeder Runde fest im Programm. Nach guten 12h machte sich die Müdigkeit auch langsam bemerkbar. Eine kurze Verschnaufpause mit 5Min hinsetzen und einer Tasse heißen Tee wirkten Wunder. Danach ging es tatsächlich wieder besser. Die Dunkelheit kostete mega viel Energie, da die Augen so fokussiert auf den Weg waren, Viel Ablenkung gab es schließlich auch nicht. Einzig, wenn ich die Asphalter gesehen habe, die mir auf der zweiten Hälfte der Strecke auf der linken Seite entgegen kamen, bot es mir eine kurze Ablenkung und ich redete mir immer ein, dass es diese schwerer haben müssten als ich, da man beim flachen Kurs den Großteil der Strecke sehen konnte. Die Crossstrecke hatte so viele Kurven, da sah man sowieso nur immer seine 25 Meter bis zur nächsten Kurve.

 

Irgendwann fing es kurz zu nieseln an. Schätzungsweise gegen 2 Uhr. Klasse, dachte ich mir. Jetzt wird es ungemütlich und nass. Gott sei Dank hielt sich der Regen in Grenzen und hörte kurze Zeit später wieder auf. Allerdings war das nicht von langer Dauer. Gegen 3.15 Uhr ging es dann los. Knallhart, es schüttete wie aus Eimern. Ich hatte Glück, denn ich kam gerade von der Toilette und wollte kurz Pause machen im Pavillion. Gott sei Dank war ich da nicht auf der Strecke, denn Regenjacke hätte ich zu diesem Zeitpunkt keine angehabt. Ich zog erstmal meine dicke Jacke an und wickelte mich in meine Decke und beschloss erst einmal abzuwarten. Allerdings wurde der Regen immer stärker und ich immer kälter. Außerdem überkam mich wie aus heiterem Himmel eine Müdigkeit, die mich fast aus dem Stuhl hat kippen lassen. Nach 20 Minuten überlegte ich, wie ich jetzt weiter machen sollte.

Die Klamotten die ich anhatte waren definitiv zu kalt. Da mir eh schon kalt war ohne Ende. Regenhose und Jacke würden wahrscheinlich nicht ausreichen. Außerdem war ich viel zu müde um die Strecke unter diesen Bedingungen weiter zu bewältigen, ohne mich zu verletzen. Ich ging nochmal in die Toilette, wo es etwas wärmer war und beschloss mich ins Auto zu legen, warme, trockene Klamotten anzuziehen und mich erstmal wieder warm werden zu lassen. Mir vielleicht 1-2 Stunden Schlaf zu gönnen und meine Runden nach dem Regen weiter zu drehen. Genauso hab ich es dann gemacht. Schnell noch einen halben Becher heißen Tee für die 300m zum Auto mitgenommen. Davon ist am Auto allerdings nichts mehr drin gewesen, weil ich mittlerweile so ausgekühlt war, dass ich nur am Zittern war. Endlich, Auto erreicht und raus aus den nassen Sachen. Winterhose, dicke Socken, langes Shirt, warme Mütze und Fleecejacke an. In den Schlafsack gekuschelt und binnen 2min eingepennt. Nach guten 1,5h habe ich beschlossen, wieder auf die Strecke zu gehen. Der Regen hatte aufgehört.

Voller Tatendrang und in warmen trockenen Klamotten ging ich zurück auf die Strecke und startete meine neue Runde. Schließlich wollte ich mindestens die 100km voll bekommen. Den ersten Hügel war ich fast oben, da schrie es schon „Simoooneee, es ist vorbei, die Strecke ist gesperrt! Komm wieder runter!“ Hääää??? Ich verstand nur Bahnhof. Ging aber wieder runter und da wurde mir von Max, dem Sieger der Crossstrecke, erklärt, dass die Strecke nach 18h gesperrt wurde, da sie nicht mehr laufbar war. Das Verletzungsrisiko war einfach zu hoch. Aber ich könnte meine Runden auf der flachen Strecke weiter machen. Oh nein, das war leider überhaupt keine Option für mich. Etwas geknickt, dass ich nach 92km aufhören musste, ging ich erstmal heiß duschen. Das war herrlich und danach ordentlich Frühstück. Ich packte meine Sachen zusammen und fieberte danach mit den Asphaltern mit, welche die 24h beenden konnten.

Die Siegerehrung war ein Akt für sich, denn jeder Starter wurde einzeln genannt und durfte sich seine Urkunde und die Medaille persönlich abholen. Platz 1-3 der 24h Läufer musste die Hühnerleiter hoch auf die Bühne und seinen Pokal, ein Huhn aus Keramik, in Empfang nehmen. Die besten Frauen bekamen ein Keramikei. Sieger der 24h solo Flach waren Jens Sperlich mit 186km, Sven Dolg mit 160km und Bernd Schwiebs mit 156km. Beste Frau war Anke Scherbarth mit 148km. Mad Chicken Run Gesamtsieger, der beste Läufer der 24h solo Crossstrecke, war Max Bisanz mit 116km, gefolgt vom Schweizer Daniel Sarvari mit 112km und Dominik Jürß mit 104km. Max war derjenige, der das goldene Ei mit nach Hause nehmen durfte. Er darf es jetzt ein ganzen Jahr lang anschauen und sich darüber freuen. Im nächsten Jahr muss er es wieder an den Ort des Geschehens zurück bringen und erneut darum kämpfen. Tja, so ist das mit den Wanderpokalen. Da wird dann wieder gekämpft bis zum Schluss.

Für mich kann ich sagen, dass es ein super Wochenende war. Ich bin mega stolz auf meine Leistung. Als beste Frau auf der Crossstrecke bis zum Schluss mitgekämpft zu haben war mir eine große Ehre und mit 92km waren es zwar keine 100km, aber es waren ja auch nur 18h. Und ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass es nicht der letzte Einsatz in Hänchen war. Team Trailrunning24 kann auch Motocross seit diesem Wochenende ;)

 

Vielen Dank an dich, Peter. Du hast diese Premiere mit soviel Herzblut ins Leben gerufen. Auch am gesamten Wochenende warst du immer am Ort des Geschehens präsent, hast die Läufer unterstützt, angefeuert und motiviert. Ihnen versucht, jeden Wunsch zu erfüllen, auch wenn es nur mal ein heißer Tee oder ein Schuß Milch war. Auch im Vorfeld konnte man für jede Frage eine Antwort bekommen. Im Nachhinein natürlich auch. Du und dein Team habt wirklich Großartiges geleistet. Und ich finde, dass das genau so hart war, wie für diejenigen, die auf der Strecke ihre Runden gezogen haben.

 

Wir sehen uns sicher nächstes Jahr! Bis dahin Kikkerikieee