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Offroad-Training mit Kind

Mein Name ist Johannes Bahle. Ich bin 38 Jahre alt, begeisterter Papa, Bergsteiger, Fernwanderer und Offroad-Kinderwagen-Hersteller. Familie mit Kleinkind und sportliche Herausforderung unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer leicht. So war das auch bei meiner Frau und mir. Um das passende Equipment dafür zu finden waren längere Recherchen und viele Gespräche nötig. Wir sind letztendlich fündig geworden und so begeistert gewesen, dass wir uns die Rechte an einem Offroad-Kinderwagen gesichert haben und ihn heute unter dem Namen www.hike-kid.de selber herstellen. Doch davon mehr weiter unten.

In diesem Artikel möchte ich dir von meinem 100 km Megamarsch München – Mittenwald erzählen und wie meine Familie beim Training mittendrin statt nur dabei war.

Meine letzte Fernwanderung vor 4 Jahren führte mich in ca. 5 Wochen mit dem Zelt von meiner Haustüre in München durch ganz Deutschland bis Jever an die Pforte der dortigen nicht ganz unbekannten Brauerei. Warum ausgerechnet Jever? Diese Geschichte muss ich ein anderes Mal erzählen. Die Brauerei Jever war jedenfalls hocherfreut, dass einer ausgerechnet aus München für eine Flasche des gleichnamigen Bieres wochenlang quer durch Deutschland zu Fuß unterwegs ist. Der Werbegag schlechthin!

Kurz und gut, diese Anstrengung lag nun schon ein Weilchen zurück, als ich vor knapp 2 Jahren beschloss, den Münchner Mammutmarsch über eine Distanz von 100 km mitzugehen.

Eigentlich hätte ich es bei meiner Erfahrung wissen müssen, dass dies so ganz ohne vorheriges Training nicht möglich ist. Es kam, wie es kommen musste.... ich habe es nicht geschafft. Als ich um 4 Uhr morgens auf dem Rückweg nach Hause in eine S-Bahn Richtung München stieg, war ich physisch und psychisch fix und fertig. Alles tat mir weh. Bei km 60 hatte ich endgültig aufgeben müssen. Das Schlimmste aber war meine Scham. Hatte ich doch quer durch Deutschland an die 1000 km hinter mich gebracht und hier scheiterte ich. Ich hatte ernsthaft geglaubt, ohne Training 100 km an einem Tag laufen zu können.

Meine eigene Arroganz hatte mich zu Fall gebracht, und ich war bitter enttäuscht. Mental war ich schon bei km 40 am Ende und meine Dämonen der Selbstzweifel fingen an, an mir zu nagen. Das sollte mir kein zweites Mal passieren. Schließlich war ich bei meinen Fernwanderungen auch nicht unvorbereitet losgelaufen und hatte mir immer wieder klar gemacht, was für Strapazen auf mich zukommen würden.

Da ich unter einem "chronischen Wanderzwang" leide und noch während einer Herausforderung schon wieder Ausschau nach der nächsten halte (du als Trailrunner weißt bestimmt, wovon ich spreche), fiel dann meine Wahl auf den Megamarsch von München nach Mittenwald im Frühjahr 2019.

Schließlich konnte ich die Niederlage nicht auf mir sitzen lassen und musste das 100-km-Projekt noch einmal in Angriff nehmen.

Hike Kid - Offroad Kinderwagen
Hike Kid - Offroad Kinderwagen im Moor

Einige Monate vor meinem Scheitern auf dem  Mammutmarsch bin ich Papa geworden. Da meine Frau und ich auch mit Kleinkind sportlich aktiv bleiben wollten, waren wir länger auf der Suche nach einem passenden Transportmittel für unseren Sohn. Leider entsprachen viele Angebote am Markt nicht unseren Vorstellungen. Fürs Fahrrad hatten wir eine Lösung gefunden, aber fürs Berggehen und Wandern nicht. Es gab keinen Kinderwagen, der wirklich bergtauglich oder wandertauglich war. Auch wenn dies offeriert wurde, so war doch auf den ersten Blick zu sehen, dass diese Wägen viel zu schwer und unhandlich waren, also weder vom Gewicht noch von der Manövrierfähigkeit her annähernd das hielten, was sie versprachen. Eine Kraxe war keine Alternative, denn sie ließ kaum Platz für Gepäck und war im Winter untauglich wegen drohender Erfrierungen an den Gliedmaßen des Kindes. Bei zunehmendem Alter und Gewicht unseres Sohnes hätte meine Frau dann auch aus Gewichtsgründen nicht mehr alleine mit Kind und Kraxe unterwegs sein können. Glücklicherweise fanden wir in Rosenheim einen echten Offroad-Kinderwagen, den Martin Fernengel 1999 entwickelt hatte und der nur über Hörensagen bekannt war. Wir konnten damit in die Berge, über Schnee, Sand und allerhand andere Untergründe fahren. Unsere Begeisterung war nach sechs Monaten Nutzung so groß, dass wir uns die Rechte von Martin sicherten und seit Oktober 2019 den Offroad-Kinderwagen, Hike Kid (damals Gogo Kid), unter unserer Führung laufen lassen können.

Aber noch vor Vertragsunterzeichnung und Firmengründung stand der Trainingsbeginn Ende Januar 2019 für den 100-km-Megamarsch an. Dass meine Frau und mein Sohn mich bei meinem Training begleiten würden, stand außer Frage. Wir starteten mit 30-km-Etappen und arbeiteten uns bis auf knapp 50-km-Tagesetappen hoch. Wir hatten Tiefschnee, haufenweise umgestürzter Bäume, alle möglichen widrigen Umstände, und dabei aber immer wieder wirklich tolle Momente. Unser "Sonnenschein" schlief die meiste Zeit im Hike Kid oder beobachtete die Landschaft, wie sie an ihm vorbeizog. Bei Pausen machten wir Faxen mit ihm und schlugen uns die Bäuche mit Leckereien voll.

Was uns noch wunderschön in Erinnerung ist, war das bewusste Miterleben vom Jahreszeitenwechsel Winter auf Frühling. Im normalen Arbeitsleben bekommt man vor lauter Alltag oft nicht mit, wie die Knospen zu sprießen beginnen und die Tage immer wärmer und länger werden. Das durften wir im Jahr 2019 zusammen mit unserem kleinen Sohn richtig miterleben, da wir jedes Wochenende von Ende Januar bis Anfang Mai auf Tour waren und mit Kind alles langsamer und entspannter lief.

Am 11.05.2019 stand ich dann am Start des Münchener Megamarschs, bereit für meine Revanche mit mir selbst. Es war kühl und Regen wurde vorausgesagt, der bald einsetzen und uns bis ans Ziel bei km 103 in Mittenwald begleiten sollte. Kurz nach dem Startschuss bei km 5 - wir hatten gerade die Isar überquert - meldeten sich bereits meine Dämonen wieder. So früh hatte ich nicht mit Ihnen gerechnet. Aber ok, ich wusste, dass sie kommen würden und womit sie mich quälen wollten. Anders als knapp ein Jahr zuvor hatte ich sie diesmal akzeptiert und so ließen sie mich schnell in Frieden und kamen nicht wieder. Der Regen und die Nacht brachen an der ersten Verpflegungsstation (VPS) bei Wolfratshausen über uns herein. Hier wurden bereits die ersten abgeholt und nach Hause gefahren. Ich hatte meine ersten Schmerzen in der Hüfte. Aber diese sind mir nicht unbekannt, und so ging es nach einer kurzen Stärkung weiter. Der Weg von VPS1 bis VPS2 in Beuerberg war bereits von wartenden Autos am Straßenrand gesäumt. In Beuerberg selbst wurden einige vom Notdienst versorgt oder sogar abtransportiert. Kein Wunder, der Regen wollte nicht aufhören, und es war für Anfang Mai ziemlich kalt und ungemütlich. Nach Beuerberg lag die längste Zwischenetappe zum VPS3 in Kochel vor uns. Jetzt ging man nicht mehr in einer riesigen Karawane sondern in kleinen Gruppen oder wie ich alleine. Das Bild von wartenden Autos am Straßenrand, die ihre Liebsten aufsammelten, begleitete uns bis Kochel. Die Kälte ging mir ab und zu bis in die Knochen, aber schlimmer noch war, dass ich nicht essen konnte, obwohl mein Körper danach verlangte. 15 km vor Kochel machte ich eine kleine Pause und zwang mir Nudelsalat auf, um wieder zu Kräften zu kommen. Als ich schließlich Kochel erreichte und noch über 30 km vor mir hatte, war ich mir aber endgültig sicher es zu schaffen. Der Gedanke, am Ziel in Mittenwald von meiner Frau, meinem Sohn und meiner Stieftochter abgeholt zu werden, puschte mich, nicht aufzugeben und weiterzumachen. Das Wirtshaus am VPS3 in Kochel war brechend voll. Zuvor hatte ich alle Massenaufläufe gemieden und mich immer abseits gesetzt. Diesmal aber musste ich mich ein wenig aufwärmen und mir wieder Essen aufzwingen. Von Vorteil, eingezwängt auf einer Wirtshausbank zu sitzen, war die Wärme und die neuesten Informationen, die man so nebenbei bekam. Schnee sollte uns am Walchensee erwarten, was mich und eine andere Gruppe dazu veranlasste, uns innerlich darauf vorzubereiten, viele aber zum Aufgeben zwang. Am Walchensee angekommen hielt der Schneefall sich in Grenzen, die Temperaturen gingen aber nochmal weiter runter. Den VPS4 am Walchensee ließ ich hinter mir und machte an einem Campingplatz am Ende des Sees nochmal Pause, um zum Endspurt der letzten 20 km anzusetzen. Ab jetzt fing es an hart zu werden. Meine Füße schmerzten ungemein und ließen mich meine schmerzende Hüfte vergessen. Jeder Schritt war begleitet von einem Stich. So schien es auch einem Studenten zu ergehen, den ich kurz vor Wallgau einholte Er sah so aus, wie ich mich fühlte. Sein Kumpel hatte bereits aufgegeben, aber er war entschlossen, den Marsch zu Ende zu bringen. Wir puschten uns gegenseitig und fluchten über die Kilometerangaben auf den Almwiesen zwischen Krün und Mittenwald. Als wir endlich in Mittenwald ankamen, wurden wir von einigen Einheimischen, die von ihren Fenstern aus das Ganze beobachteten, angefeuert, was für zusätzlichen Schub auf den letzten Metern sorgte. Von weitem sah ich schon meine Familie aus dem Auto springen, um mich hinter der Ziellinie zu empfangen. Diesmal hatte ich es geschafft und in besserer Verfassung, als ich es mir ursprünglich vorstellte. Auf dem Weg nach Hause fragte meine Frau, ob ich nochmal mitgehen wollte. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Auf jeden Fall! Ihr Antwort darauf war: „Gut, ich komm mit“.

Und so sind wir schon wieder am Trainieren für den Megamarsch 2020 von München nach Mittenwald. Wir haben auf all den Trainingstouren mit Kind im Hike Kid für uns festgestellt, dass 30 km die beste Tagesetappe darstellt. So bleibt genug Zeit für mehr Pausen, zum Spielen, Entdecken und Faxen machen. Unser Sohn möchte jetzt viel selber laufen - von wem er das wohl hat! - und da kann ein Kilometer schon mal eine Stunde dauern. Aber was ist schon eine Stunde gegen den stolzen und freudigen Blick des eigenen Kindes, das seine zunehmende Selbständigkeit austestet. Früher haben wir für 30 km sechs Stunden benötigt, heute sind es zehn bis zwölf Stunden. Dafür bekommen wir mehr von der Umgebung mit und sehen die Dinge wieder mit Kinderaugen. Und was mir dabei am wichtigsten ist, wir haben unseren Sohn bei unseren Aktivitäten dabei und müssen nicht warten, bis er alt genug ist, alles selbst zu laufen.