· 

Der Weiße Ring - Die Trailchallenge in Lech


By Simone Gerstmayer

Nach über 5stündiger Anreise komme ich Freitag nachmittags endlich in Lech an. Bei strahlendem Sonnenschein und einem tollen Ausblick auf die umliegenden Berge lass ich mich sofort vom Flair und der guten Stimmung inspirieren und einstimmen auf den Lauf am nächsten Tag. Nachdem ich meine Unterkunft bezogen habe, gehe ich die Startunterlagen holen. Im Bikecenter Strolz, unweit vom Startbekomme ich meine Startnummer und die wichtigsten Infos nochmal zusammengefasst in einem Goodiebag. Dieser erinnert eher an ein Survivalpaket für eine Woche. Von Handtuch über Nudeln, Haferflocken, verschiedene Müsliproben, diverse Pülverchen und Brausetabletten, Duschgel, Sonnencreme, ein Drybag, Schweißband und ein Gutschein über ein Paar Laufsocken war alles darin zu finden. Schwer bepackt geht es zurück zur Unterkunft, wo ich meine Sachen für morgen zurechtlege. Das Wetter verspricht Sonne und Wolken, aber keinen Regen.

 

Der Weiße Ring ist eigentlich eine legendäre Skirennroute, welche dieses Jahr zum ersten Mal für Trailrunner in entgegengesetzter Richtung in Angriff genommen wird. Aus über 21 Nationen waren insgesamt 461 Trailrunner am Start, um sich dieser Herausforderung zu stellen.

 

Die Strecke führt von Lech über die Kriegeralpe zur Balmalp nach Zug, hoch zum Madloch und Madloch Joch, über den Zürsersee runter nach Zürs, wieder bergan über die Monzabonalpe zum Rüfikopf und bergab zurück nach Lech.

Drei Strecken machen es möglich, dass jeder Teilnehmer seine optimale Strecke wählen kann. Egal ob Kleine oder Große Heldenwertung oder gemeinsam in der Staffel, es ist für jeden was dabei. Nach einer erholsamen Nacht und einem guten Frühstück begebe ich mich zum Start.

 

Dort ist schon einiges los. Überall werden Erinnerungsfotos gemacht, die Pflichtausrüstung nochmals kontrolliert.

Ein Alphorn-Quartett umrahmt dieses Treiben und Gewusel und stimmt uns mit traditionellen Klängen auf den Lauf ein.

Die Stimmung steigt je näher der Startschuss kommt. Ein letztes Briefing für alle und nochmals der Hinweis, dass durch den Regen einige Stellen rutschig und glatt sind, und vor allem im Downhill extreme Vorsicht geboten ist.

 

Als erstes geht´s für die Staffelläufer los. Der Countdown wird gezählt. Punkt 9.00 Uhr ist Start. Fünf Minuten später gehen die Großen Helden auf die Strecke, welche die gesamte Distanz von 28,9km und satten 2300 Höhenmetern alleine laufen werden. Weitere fünf Minuten später starten die Kleinen Helden, welche 11,1km und 665 Höhenmeter zu meistern haben. Ich befinde mich im Startblock der Großen Helden. Ich bin aufgeregt und nervös am Start. Meine Vorliebe sind eher die Ultratrails mit Laufzeiten von 15-20 Stunden und mehr. Auch die „nur“ 30km machen mir anfangs etwas Kopfzerbrechen. Da bei solchen Bergläufen das Grundtempo auch recht hoch ist. Auf keinen Fall wollte ich als Letzte ins Ziel kommen, noch die Cut off Zeiten überschreiten.

 

Der Startschuss fällt, ich laufe los. Locker, schneller Wanderschritt, da es direkt nach dem Start in den Berg geht. Die ersten 100m gehen gefühlt senkrecht einer Wiese hoch, bevor es auf Schotter- und Teerstraßen weiter bergauf geht.

Die ersten Läufer sprinten über diese Wiese, als ob es ein Schanzenlauf wäre und sind auf der Schotterstraße mächtig am schnaufen und nach Luft japsen. Meine Taktik, zügiges Wandern berghoch und Vollgas den Downhill nach unten, habe ich immer im Hinterkopf. Auch wenn es anfangs zügiger berghoch gehen würde, so habe ich bewusst mein Tempo reduziert, da ich weiß wie sich 900Höhenmeter Downhill im Gebirge anfühlen können. Da ist es von Vorteil, wenn man noch ein paar Körner in den Beinen dafür zur Verfügung hat. Denn bergab ist nicht weniger anstrengend als bergauf. Ich genieße das Panorama, die Berge, welche im Sonnenschein noch schöner und majestätischer aussehen und die Wiesen noch grüner und saftiger.

 

Die Zurufe und das Applaudieren der Zuschauer und der Wanderer an der Strecke lassen einen motiviert weitergehen.

Nach gut einer Stunde stelle ich fest, dass ich wohl doch nicht so langsam unterwegs zu sein scheine, da ich noch viele Läufer unter mir die Serpentinen hochwandern sehe. Das motiviert mich und ich stapfe weiter. Wir schlängeln uns Richtung Kriegeralpe, der ersten Verpflegung. Dort herrscht ausgelassene Stimmung, welche von weitem schon zuhören ist. Es gibt Wasser, Cola, Kräuerlimonade, Iso, Obst, Riegel, Waffeln und viel gute Laune. Immer weiter, an einem See vorbei und kurz darauf habe ich es geschafft. Der erst Berg ist fast bezwungen. Am höchsten Punkt kann man ins benachbarte Tal sehen. Überall Gipfel, teils mit Schnee bedeckt und saftige Wiesen.

 

Kurzer Fotostop. Am Grat entlang, zwischen Absturzvorrichtungen und Absperrungen, rechts und linksabfallendes Gelände, geht es kurz darauf in den ersten Downhill. Steil und auf schmalen Pfaden schlängelt sich der Weg nach unten. Es geht über Steine, Wurzeln, Waldboden. Teilweise nass und rutschig, aber ich komme sofort in meinen Flow und kann Gas geben. Der Downhill liegt mir. Der Untergrund auch. Wurzel und Steine kenne ich aus meinen heimischen Trails. Ich kann trotz der schmalen Wegführung einige Läufer überholen und erreiche Zug mit lockeren Beinen. An der nächsten Verpflegung werden die Läufer mit Livemusik empfangen. Es wird das Buffet gestürmt und die Wasserflaschen aufgefüllt. Hier trennt sich der Weg der Großen und Kleinen Heldenwertung. Die Kleinen laufen wieder zurück nach Lech, die Großen haben den nächsten Anstieg vor sich.

 

Hoch zum Madloch und Madlochjoch sind es knapp 1000 Höhenmeter. Da heißt es nochmal die Energiespeicher füllen und weiter geht’s. Es geht die Skipiste hoch, steil, ausgetreten ist der Weg. Ziehwege im Sommer berghoch sind ziemlich fies, da diese sehr direkt nach oben gehen ohne größere Serpentinen. Langsam geht es voran, das Starterfeld ist auseinandergezogen, vor mir sind zwei Dänen, hinter mir niemand in Sichtweite. Wir kreuzen einen Golfplatz, mitten im Wald und bekommen zum ersten Mal das Madloch Joch oben am Horizont zu Gesicht. Puh, da liegt noch ein ganzes Stück Aufstieg vor mir. Es schlängelt sich der Wegweiter auf Schotter nach oben. Irgendwann erreiche ich die Baumgrenze. Es geht weiter über Wiesen und Weiden. Überallbimmelt es. Die Kühe haben keine Scheu und begleiten mich. Vor mir und neben mir , überall werden die Läufer interessiert beobachtet. Auch die Wegmarkierungen mit den pinken Fähnchen scheinen interessant für die Kühe zu sein. Eine Herde schwarzer Pferde ist plötzlich auch mit da. Ich fühle mich fast wie bei Herr der Ringe, auf dem Weg nach Mordor. Endlose Weiten und inmitten der Kühe und Pferde. Mittlerweile ist der Weg eigentlich nur noch ein schmaler Pfad. Es wird steiler, und es geht senkrecht nach oben. Baum- und Latschenkieferzone liegen schon lange hinter mir. Ich fokussiere nur noch das Geröllfeld und den Fels der vor mir liegt. In Zeitlupe kommt dieses näher.

 

Die Dänen habe ich mittlerweile eingeholt. Ein kurzes Fachsimpeln und schwärmen über zurückliegende Läufe mit meinem Hintermann lassen mich meine schweren Beine und die Anstrengungen kurz vergessen. Wir reden und schnaufen und stapfen Meter für Meter nach oben.

 

Aber was ist das?? Ich sehe eine Tür, freistehend, geschlossen, mitten im Geröllfeld. Dort angekommen nehme ich den Türgriff in die Hand – es ist nicht abgesperrt. Völlig verdutzt und verwundert öffne ich die Tür und gehe hindurch. Kein Schild oder Ähnliches erklärt mir warum hier eine Tür steht. Und es sollte nicht die Einzige sein, welche ich sehe. Das Madloch Joch ist endlich in Sichtweite, nur noch durch das Geröllfeld, dann ist auch dieser Anstieg geschafft. Imposant ragen die Gipfel um mich herum. Ich muss aber auf meinen Weg schauen. Über die Steine, die teilweise locker und beweglich sind, möchte ich definitiv nicht fallen bzw. umknicken. Meine Beine machen sich auch langsam bemerkbar. Endlich ist das Joch erreicht. Jetzt heißt es kurz inne halten underst einmal das Panorama auf sich wirken lassen, kurzdurchatmen, trinken, Beine ausschütteln und dann volle Konzentration für den Downhill. Dieser ist technisch nicht so anspruchsvoll wie der Erste. Es gibt keine nassen Wurzeln, dennoch ist der Pfad ausgetreten und man muss aufpassen, dass man in kein Murmeltierloch tritt. Das Pfeifen dieser begleitet mich schon seit der Wiesen und Weiden. Endlich erreiche ich den Zürsersee, wo die nächste Verpflegung wartet. Ein Blick auf die Uhr lassen mich feststellen, dass ich mit guten 1:45 Stunden Puffer zum Cut off eigentlich ganz gut in der Zeitspanne liege. Ich stärke mich kurz, und dann geht es weiter bergab. Auf einembreiten Schotterweg, der kurz vor Zürs in eine geteerte Straße übergeht, schlängelt es sich bis ins Tal nach Zürs. Auf den letzten Abschnitt freue ich mich besonders.

 

Vor exakt 2 Jahren war ich genau auf dieser Strecke beim Transalpine Run, allerdings in entgegengesetzter Richtung (Lech, Rüfikopf, Zürs) unterwegs. Da dies zur selben Jahreszeit war, bin ich glücklich, dass heute keine1,5m Schnee am Rüfikopf gemeldet sind. Los geht der Anstieg ganz komfortabel auf einer Teerstraße. Ich schlängel mich serpentinenartig nach oben. Kurz vor der Monzabonalpe geht es runter von der Schotterstraße und rein in den Kuhweidenpfad. Gott sei Dank regnet es nicht und die Wiesen sind trocken. Somit war es einigermaßen gut zu laufen und ich muss nicht bei jedem Schritt aufpassen, dass es mir die Beine wegzieht. Das Panorama ist atemberaubend. Man fühlt sich wie am Boden eines Kessels, umrahmt von vielen Tälern und ihren Berggipfeln. Das Ganze angestrahlt von der Sonne, im Hintergrund das Murmeltierpfeifenund das Kuhglockengebimmel. Keine Menschenmassen, kein Trubel, nur ich und der Berg.

 

Das Ziel, der Rüfikopf, ist schon zusehen. Nur noch 350 Höhenmeter senkrecht nach oben, dann linksquer zum Hang, nochmals ein kurzes steiles Stück, dann müsste ich oben sein. Die letzten Meter vor der Rüfikopf Bergstation sind der Wahnsinn. Im Schneckentempo setze ich einen Fuß vor den Nächsten und schraube mich cm um cm nach oben. Endlich bin ich an der Verpflegung. Mit einem Grinsen im Gesicht weiß ich, dass es jetzt nur noch bergab geht und es ein heftiger Downhill werden wird. Ich stärke mich noch einmal. Lecker ist der Vanillejoghurt den es dort gibt.

 

Und los geht’s. Im Laufschritt tänzel ich über den Fels. Einen exakten Weg gibt es nicht. Ich orientier mich an den pinken Fähnchen die aufgestellt sind. Es ist genau mein Ding. Trittsicherheit ist hier gefragt. Das Adrenalin schießt ins Blut und ich laufe weiter und weiter. Die Felsen und die großen Steine werden allmählich weniger und kleiner. Der Weg geht in einen schmalen Wiesenpfad über. Steil ist er und er wird noch steiler.

 

Mittlerweile bin ich bei den Latschenkiefern angelangt. Sie versperren oft die Sicht auf den Weg, welcher aus groben Schottersteinen und losem Sandboden besteht. Es ist rutschig und mit den Stöcken kann ich nicht viel abfangen, da einfach der Platz dafür fehlt. Serpentinenartig schlängel ich mich nach unten. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer und ich denke an 2017,Transalpine Run der Aufstieg, zurück. Dieser war mir als sehr steil in Erinnerung geblieben, und ich finde, dass er bergab noch vielschlimmer ist als berghoch. Es sind fast 900 Höhenmeter auf 3km die ich runter muss. Es brennt einfach nur noch und ich habe zu kämpfen, dass ich keinen Krampf im Oberschenkel bekomme. Das wäre jetzt fatal. Langsam schraube ich mich nach unten, überhole einige, die am Ende ihrer Kräfte sind oder mit Krämpfen zu kämpfen haben. Ich kann schon die Moderation im Zielgeländehören. Es kann nicht mehr weit sein.

 

Endlich bin ich fast unten angekommen. Der Weg schlängelt sich noch ein paar hundert Meter am Waldrand entlang, bevor es in die Ortschaft Lech geht. Die letzten Meter. Nur noch über die Straße, 200m am Flussentlang, über die Brücke und schon ist das Ziel nur noch 50m entfernt. Überglücklich und stolz passiere ich den Zielbogen nachguten 6:35 Stunden und werde gefeiert und empfangen wie der erste Läufer.

 

Die Stimmung ist sagenhaft. Ich bin nur am Grinsen und freue mich, dass ich bei dieser tollen Premiere dabei sein durfte und es für mich ein mega genialer und toller Traillauf gewesen ist. Die Organisation und die bomben Stimmung an der Strecke und im Start-/Zielbereich ist fantastisch. Ich denke der Weiße Ring wird nicht nur als Skiroute seinen Namen haben, sondern in Zukunft auch bei den Trailläufern ein Geheimtipp werden. 

 

Ich werde nächstes Jahr sicher wieder dabei sein.


Rennbericht: Simone Gerstmayer